Über Retrogaming reden ohne Erfahrung

Auslöser dieses Posts ist ein Bericht aus der GameStar vor ein paar Jahren, in dem ein Redakteur schrieb, dass die Pionierzeit der Videospiele in der zweiten Hälfte der 1980er gelegen habe. Da fragte ich mich, was wir in den 1970er Jahren erlebt haben, oder was der Redakteur unter Pionierzeit versteht?

Letztendlich hat mich das veranlasst, bewusst nach Medien zu suchen, die kompetenter über Retrogaming berichten. Aber auch dort bin ich einigen –meist jüngeren– Autorinnen und Autoren begegnet, die manchmal über alte Spiele reden wie ein zölibatär lebender Mensch, der über die Vorzüge körperlicher Liebe spricht, so à la „das originale Pong wurde nur 8.000 mal verkauft, weil ein Online-Modus fehlt“ (ich überzeichne hier bewusst).

Zum Glück gibt es auch sehr erfreuliche Beispiele wie Henner Thomsen, Rahel Schmitz oder auch von außerhalb der SF den Hardy Heßdörfer, die offen kommunizieren, wenn sie etwas nicht aus eigener Erfahrung kennen können, dabei aber sehr gut recherchieren und stets wertschätzend mit Dingen umgehen, die sie nicht selbst erlebt haben.

Wie empfindet Ihr das? Könnt Ihr ahnungslose oder falsche Behauptungen zum Retrogaming einfach überlesen oder überhören? Wie geht Ihr damit um?

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Es ist halt die Frage was man als Retro sieht. Letztens habe ich ein Video gesehen, mit Spielen aus der Kindheit und da ging es um DS und Gamecube…
Ich möchte jetzt z.B. Gunnar, als Alterspräsident, keine Kompetenzen absprechen, aber er hat ja auch „nur“ 11 Jahre mehr auf der Uhr als ich. Da dürften, sofern seine Eltern keine Technikfreaks gewesen sind und nach dem letzten Ausgefragt war das wohl weniger so, die 70er auch recht spurlos an ihm vorbeigegangen sein.
Sogar beim VC20, oder besser C64 wird es wohl schwierig wen zu finden, der den Brotkasten zum Release bespielen konnte. In DE wurde der ja für 1500DM eingeführt. Und auch die schnell gesenkten 700DM waren ja noch ein ordentlicher Batzen. Zum Vergleich: In der Ausbildung hat man damals 400DM verdient. Da wollte das schon hart zusammengespart werden, bis die Dinger irgendwann für ne schmale Mark beim Aldi lagen.
Soll jetzt kein Rant werden, aber man muss sich in die Thematik, wie du geschrieben hast, schon einarbeiten. Je jünger man ist, um so mehr. Ich hatte an der Arbeit immer noch meinen alten IBM Blue Lightning (inkl. DOS 6.22, Matsushita CD-ROM, zweiter Platte und einer ISA-Netzwerkkarte mit BNC, dazu ein thicknet MAU inklusive vampire tap und einen AUI/BNC Transceiver) zerlegt rumliegen, damit neue Azubis mal nen echten PC zusammenbauen und installieren können. Ich hab das Ding nach zwei Wochen noch nicht wieder voll laufen gesehen.
Was ich damit sagen will: Recherche kostet Mühe und Zeit. Und das um so mehr, je länger es her ist. Und jetzt ist SF ja mit einer der am Besten recherchierten und ich vermute mal finanziell gut ausgestatteten Podcasts.
Andere Content Creator müssen von dem Leben was, böse gesagt, Wikipedia hergibt, da vielleicht auch der Zugriff auf Heftarchive und Branchenkontakte, weil sie nie in der Branche waren, fehlen. Was willst dann groß erwarten? Ich siebe dann halt aus. Wenn es an sich unterhaltsam ist, warum soll ich nicht reinhören/sehen/lesen? Wenn nur Unsinn kommt, lass ich es halt.
Auf der GS Seite ploppen ja auch immer mal wieder „Retro“-Artikel auf, die die 2000er bis 2010er beleuchten. Da lächle ich dann nur gönnerhaft und denke mir „ach Kinder, wenn ihr wüsstet“.

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Ich kenne den Artikel oder den genauen Kontext nicht, aber Pionierzeit empfinde ich als einen sehr weit fassenden Begriff.

In Hinblick aufs Gaming hat die sicher in den 70ern begonnen, dauerte meinem Empfinden nach aber bis mindestens Ende der 90er an, als die meisten Genres/Technologien erfunden waren und die Wild-West-Mentalität bei der Entwicklung zunehmend von einem Fokus auf die Wirtschaftlichkeit abgelöst wurde. Den Höhepunkt würde ich persönlich auch Ende der 80er und Anfang der 90er sehen, aber das ist sicher eine Frage der genauen Definition und Perspektive.

Zum Thema an sich: Man muss nicht dabei gewesen sein, um objektiv über etwas reden oder schreiben zu können. Zeitzeugen sind wertvoll, aber man würde ja auch Historikern nicht absprechen, dass sie über eine nicht selbst erlebte Vergangenheit schreiben können - im Gegenteil, ein gewisser Abstand ist oft sogar hilfreich oder gar nötig.

Das erfordert, wie Christian schon schreibt, aber natürlich Zeit und Recherche sowie die Fähigkeit zu selbiger, und daran mangelt es vielen sicher.

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Wenn es Quatsch wie dein Beispiel ist, dann ist es natürlich nicht möglich das zu ignorieren. Man braucht aber nicht dabei gewesen zu sein um ein ungefähres Gefühl für eine Zeit zu bekommen, zumindest im Videospiele-Bereich. Es existieren ja durchaus Quellen wie alte Zeitschriften mit Leser-Charts oder Verkaufszahlen und Interviews.

Oft genug finde ich einen frischen Take auf Sachen allerdings gut, beobachte bspw. sehr gerne wie sich meine Kinder bei Spielen anstellen oder was so deren erste Reaktion ist, gerne auch was sie sagen wenn ich alten Krempel spiele.

Letztlich hast du als Veteran nur den Vorteil des selbst erlebten Kontextes, wenn du dann aber keine schlauen oder spannenden Gedanken formulieren kannst, bringt dir das auch nichts. Natürlich umschiffst du so einfacher Blödsinn in der Schlussfolgerung / Bewertung wie in deinem Beispiel. Allerdings hinterfragst du vielleicht manche “gefühlte” Wahrheiten dann auch nicht.

Btw gibt genug Beispiele aus der Zeit der Zeitschriften wo man meint die Leute sollten kompetent sein, es aber nicht so war - was dann in (heutzutage amüsanten) Fehleinschätzungen geendet ist.

Für eine rein auf Fakten und Recherche-basierter Berichterstattung sollte es bei qualitativer, journalistischer Arbeit keinen Unterschied machen wieviel Plan man hat. Selbigen kriegst ja durch die Recherche dann.

Edit: 70er klar Spiele-Steinzeit. Das Äquivalent zum Steine kloppen um Feuer zu machen imho. So richtig gamedesign im modernen Sinn kam erst in den späten 80ern und vor allem in den 90ern auf; im Einklang mit neuen technischen Möglichkeiten die das überhaupt erst ermöglicht haben.

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Mir ist nicht klar, worauf du hinaus willst. Kein Historiker war mit Kolumbus auf der Santa Maria dabei. Trotzdem gibt es Bücher zu dem Thema. Und du lieferst ja selbst Beispiele von Menschen, die dank Recherche etwas zu ihren Themen zu sagen haben. Es kommt auch in Stay Forever öfters mal vor, dass einer der Podcaster ein Spiel damals nicht gespielt hatte und trotzdem sehr kompetent rüberkommt. Während die frühen Folgen sich sehr auf das Wissen von damals verlassen, wird nun intensiv recherchiert und aufbereitet.

Geht es Dir also darum, dass Menschen manchmal Quatsch erzählen? Oder darum, dass man damals dabei gewesen sein muss? Ich kann ahnungslose Kommentare zu egal welchem Thema nicht abhaben. Leider bin ich nicht fehlerlos genug, um nicht auch mal Murks zu erzählen.

Wenn ich heute über ein altes Spiel schreibe, das ich damals nicht gespielt habe, bin ich natürlich dieser zölibatär lebende Mensch und muss mit Interviews, Zeitungsberichten und auch Wikipedia als Startpunkt irgendwo anfangen.

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Es gibt natürlich bessere und schlechtere Bücher zu Kolumbus.

Jetzt habe ich deinen Beitrag verstanden. Bin langsam und brauch manchmal ein bischen.

Ich kann den Threadersteller verstehen, da eine grobe Recherche bessere Ergebnisse gebracht hätte. Das ist halt Inkompetenz und oder Faulheit und beides kann man ziemlich blöd finden.

Ich meide beides, deswegen lese ich keine Magazine mehr oder tatsächlich auch Zeitungen. Ist vielleicht eine extreme Haltung aber meine Seelenruhe ist dadurch eher im Bereich des Möglichen.

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Mir ging es bei dem Kolumbus-Beispiel um den Einschub, dass mittlerweile oft jüngere Menschen zu Themen schreiben, die sie nicht selbst erlebt haben. Wie gesagt: Ich weiß nicht, worauf es im Ursprungspost hinausgehen sollte, also hab ich das vielleicht falsch verstanden.

Ebenso das Zölibat. Nein, ich bin kein Games-Journalist. Mir ging es darum, dass jeder erste Eindruck eines alten-neuen Spiels eine Ersterfahrung ist. Hab ich heute Morgen wieder bei meinem Jüngsten gemerkt, als ich ihm alte Flipperspiele gezeigt habe. Er war nicht sehr beeindruckt. Nun würde er nicht hingehen und aus dieser Erfahrung einen Artikel stricken, aber vielen heutigen Medien scheint es mehr um Eindrücke zu gehen als um recherchierte Fakten. Ist nicht meins, aber ebenso legitim.

Ich merke beim Schreiben, dass ich meine Gedanken nicht richtig gefasst bekomme. Lasst mich einfach hier liegen.

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Nach etwas Suche nehme ich an, es geht um diesen Artikel hier, und, naja, das ist ja bloß ein mehr oder weniger typisches GameStar-Listicle, um ein paar schnelle Klicks und Engagement zu generieren; stilistisch platt und kein bisschen darauf ausgelegt, wirklich etwas zu erzählen. Allein die Spielauswahl wirkt komplett willkürlich. Wenn du ChatGPT um eine Übersicht zu dem Thema bittest, spuckt es dir zweifellos was Besseres aus.

Ist wahrscheinlich so ein Ding, das in zwei, drei Stunden runtergeschrieben werden musste, ohne groß Gedanken daran zu verschwenden. Doof, aber keinen Aufreger wert.

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Bin da meist eher entspannt, sofern der daraus abgeleitete Anspruch nicht allzu weit von der Qualität abweicht.

Ich sag mal so, das Beispiel hat mich zumindest mal zum Nachdenken gebracht, wie ich die Pionierphase definieren würde. Und da kam ich zum dem Schluss, dass ich die Pionierphase vermutlich sogar bis in die 1990er ziehen würde. Dort kommen mit dem Ego-Shooter und der Echtzeitstrategie die für längere Zeit beiden letzten großen Genres dazu, mit 3D-Grafik findet die Branche eine neue, entscheidende Ausdrucksform, die PlayStation macht Gaming zum Lifestyle-Produkt und die Branche erreichte zunehmend professionellere Strukturen und einen insgesamt höheren Professionalitätsgrad. Viele bis heute bedeutsame Franchises haben hier ihren Ursprung, während viele ältere dort enden.

Gleichzeitig merke ich, dass es immer auch eine Frage der Perspektive ist. Hätte man einem Römer um 450 v. Chr. gesagt, dass er in der Frühphase des römischen Reiches lebt, er hätte uns vermutlich mit Verweis auf seine Ahnenreihe auch den Vogel gezeigt und „do the math“ gesagt. Im selben Maße dürfte Retro im Auge des Betrachters liegen. Ich würde mich also vermutlich nicht so sehr an Thesen aufhängen, die ja Ausgangspunkt für interessante Diskussionen sein können, als an der Herleitung, und die kann ich aus dem Beispiel nicht herauslesen.

Das vorneweg, ist gute Recherche natürlich wesentlich, daraus ergibt sich ja auch die Qualität der Herleitung. Das Umfeld des Artikels ist auch nicht ganz unwesentlich. Ein Schulreferat hat ja auch nicht dieselbe wissenschaftliche Tiefe und kann auf ähnliches Vorwissen des Publikums zurückgreifen wie ein Hauptseminar im Fachbereich an der Universität. Kann also sein, dass der Gamestar-Artikel für mich nicht das richtige Format besitzt, muss für das vermutlich deutlich jüngere Zielpublikum aber nicht unbedingt falsch sein. Bin mir sicher, wenn wir hier über Hardwaretechnik sprechen, hat das aus Profisicht auch die ein oder andere Simplifizierung und Fehldeutung. Oder Ableitungen über die Darstellung anderer Kulturen.

€dith: Mit Blick auf den verlinkten Artikel, ist die Aussage aus Sicht der Gamestar imho auch nicht falsch, da die Gamestar sich (insbesondere 2019) als ein PC-Spielemagazin sieht. Der Aufstieg der Heimcomputer als Spielemaschine beginnt tatsächlich erst so richtig in den 1980ern.

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Erst einmal herzlichen Dank, dass Ihr Euch viel Mühe gemacht habt, auf meinen Post so ausführlich zu reagieren, sogar den Artikel in der GS aufgetrieben, den ich selbst schon nicht mehr fand :+1:

Es ging mir darum zu erfahren, ob Euch falsche Darstellungen innerhalb des Retrogamings aufregen. Das wollte ich wissen, weil sie mich (leider) immer häufiger aufregen, was mir den Hör- oder Lesegenuss verdirbt. (Den möchte ich mir eigentlich für dieses schöne Hobby nicht verderben lassen.) Da fand ich es interessant zu lesen, wie gelassen etwa @Christian80 damit umgehen kann, während @Fabi ähnlich wie ich nun bestimmte Medien meidet.

Darüber hinaus fand ich aber noch bermerkenswerter, dass hier fast alle die Pionierzeit oder sogar Steinzeit der Videospiele ab den 1970er Jahren gesehen haben. Die Steinzeit wären bei mir die 1960er Jahre, wo es in diesem Bereich noch gar keine industriellen Prozesse gab, aber Spiele wie Spacewar, Sumerian Game, Indy 500, Civil War, Lunar Lander usw. entstanden sind. David Ahl hat schon 1973 (!) ein Buch über viele dieser Spiele geschrieben. Ich musste somit auch wirklich über den Vergleich von @Avantenor mit dem römischen Soldaten von 450 v. Chr. schlucken – offenbar bin ich so einer für Videospiele :upside_down_face:

Ihr konntet mich aber überzeugen, dass die Pionierzeit durchaus bis in die 1990er auszudehnen sei. Da haben mir Eure Sichtweisen geholfen :slightly_smiling_face: Im Vergleich gilt ja auch für die USA des 19. Jahrhunderts noch als Pionierzeit, was ja gut 200 Jahre nach der Zeit ist, wo europäische Pioniere im Land siedelten.

Zuletzt möchte ich noch einmal bekräftigen, dass selbstverständlich Menschen unterhaltsam und wertvoll über Zeiten berichten können, die sie selbst nicht erlebt haben – aber bitte nicht schlecht recherchiertes Wissen als Fakt darstellen …und ja, das können sich momentan nicht alle Redakteure leisten – auch das erkenne ich an.

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Du bist nicht alleine, falls das ein Trost für Dich ist.

Die knallharte Pionierzeit bei Videospielen ist für mich spätestens ab Ende der 70er vorbei. Insbesondere, was Mattel mit dem Intellivision im Heimbereich fabriziert hat, war seinerzeit im Bereich Spieldesign, Aufmachung und Präsentation schon ein Sprung in die nächste Generation und ließ den ein oder anderen Unterkiefer aufgeklappt zurück. Aber das wird bestimmt bald in einer SF-Technikfolge genau aufgedröselt.

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Dieser Sichtweise möchte ich aus eigener Erfahrung widersprechen. In meinem Bekanntenkreis gab es eigentlich für jedes System einen Early Adopter, dessen Eltern ihrem Sprössling die neuesten Geräte kauften. Und wir anderen scheuten keinen Aufwand (8km Radfahren in dunkler Wintersnacht), diesen Bekannten aufzusuchen, um die Geräte dort zu bespielen. Meines Erachtens erzählte Gunnar in einer Folge, dass er so einen Sascha kannte, der diese Rolle für ihn einnahm. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ähnliche „Hilfs- und Notgemeinschaften“ nicht überall gegeben hat.

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Ich habe mir gerade beim Gang zum Bäcker überlegt, was eine Pionierzeit ausmacht. Ein Arbeiten mit einer neuen Möglichkeit und Expansion. Oder?

In der Wirtschaft gibt es die Idee, dass neue Technologien (Dampfkraft, Eisenbahn, Digitalisierung) das Interesse von Menschen pushen, darin etwas Neues zu erschaffen. Diese Technologiesprünge machen dann Angebot und Nachfrage möglich, weil die Menschen Bock auf etwas haben. (Kontradjev Zyklen nannte sich das, glaube ich)

Insofern kann man vielleicht davon sprechen, dass (kleinere?) Technologiesprünge (8, 16 Bit, CD Rom..) neue Pionierzeiten möglich machen.

Insofern hat der ungenannte Journalist vielleicht gar nicht so Unrecht, er hat das Thema vielleicht nur unterkomplex erklärt. Aber ich kann auch spinnen, immerhin kenn ich den Artikel nicht.

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So habe ich das bisher noch nie betrachtet. Es passt ja sogar für meinen Vergleich mit den USA, wo die Pionierzeit des 16. Jahrhunderts durch etwas anderes ausgelöst war (Fortschritte im Schiffbau) als die des 19. Jahrhunderts (staatliche Vergabe von Siedlerland).

Von daher kann ich dem Autoren des GS-Artikels (den übrigens @Snoops weiter oben verlinkt hat) seinen Standpunkt immer mehr nachsehen. Zumal @Avantenor richtigerweise bemerkt, dass der GS ja eigentlich nur PC-Spiele im Fokus hat, die in gewisser Weise eine andere Pionierzeit ausweisen als Videospiele allgemein. Tja, vielleicht wirklich nur eine unterkomplexe Sichtweise :wink:

Passend zum Thema:

Was denn nun, C 6 4, C 60 4, oder C 64 :grinning_face_with_smiling_eyes:

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@Fabi
Du hast nicht zufällig beim Gang zum Bäcker das Q&A gehört?
Ich glaub so ziemlich genau das wurde dort gesagt :smiley: nur nicht mit „Pionierzeit“ betitelt.

Aber ganz grundsätzlich muss man sich glaub ich damit abfinden, dass die allermeisten nicht das „miterlebt haben“ von was sie reden. Die Frage ist halt bloss dann wie gut die Recherche ist.

Aber wenn man jetzt eine Doku über Affen guckt, dann würden die Affen sich sicher auch denken „jaja, wasn Quatsch, das machen wir doch garnicht deshalb“. Aber die bestmögliche Recherche geht eben nur „soweit“. Eine Doku über Obdachlose muss nicht von Obdachlosen und ein Frontbericht nicht von einem Soldaten geschrieben werden.

Man sollte die Inhalte natürlich gut recherchieren. Wenn man die Aussprache von Eigenbegriffen vergeigt, kann das auch heissen, dass man sich vor allem Schriftliche Infos angeeignet hat. Ich mein, wie oft wurde id-Software „I D Software“ ausgesprochen. Kommt dann ein bischen darauf an, was man vorgibt zu berichten, wie relevant eine falsche Aussprache ist. Natürlich reduziert es die Glaubwürdigkeit jetzt wenn man vorgibt ganz nah mit den Quellen geredet zu haben oder ähnliches.

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Lustigerweise habe ich die Folge erst darauf gehört. Ist ein schönes Erlebnis, wenn „die Großen“ etwas ähnlich sehen, wie der kleine Mann von der Straße.

Ich würde den Beiden in dem genannten Punkt aber nicht zustimmen, denke ich. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass Kunst auch über eine gewisse Endlichkeit verfügt. Ein ehemaliger Kollege, ein Musiklehrer, meinte einmal, dass es sehr schwer sei, neue Melodien zu erschaffen, weil das meiste irgendwie, irgendwann schon mal gespielt wurde und alles neue lediglich ein Remix, oder eine Interpretation sei. So wie Whitehead meinte, alle Philosophie nach Platon sei eigentlich nur eine Fußnote zu ihm.

Selbst wenn man neue Technologien hat, dann werden sie nur uraltes in neue Gewänder bringen. Pornografie gab es schon im Altertum, die VHS Kassetten haben es aber besser distribuiert. Kutschen brachten die Menschen von einem zum anderen Punkt, Autos machen es nur schneller. Wenn wir einen möglichen Blick in die Zukunft werfen und uns Menschen vorstellen, welche sich Spiele ins Hirn projizieren können (shadowrun, btl trips), dann werden es nur Variationen des bekannten sein. Kunst ist, so wie ich das bei Dewey verstanden habe, eine Interpretation der Realität, in ein Werk gebracht. Es ist nichts, das ex nihilo geschieht, sondern ein neues Zusammensetzen aus dem Bekannten.

Das muss nicht bedeuten, dass es deswegen nicht unterhaltsam sein kann. Ich kann dir auch nicht sagen, was Originalität ausmacht. Ich denke mir nur- ich bin gar nicht so scharf auf neue Technologien. Erstens erfüllen diese nicht immer eine Userfreundlichkeit, wie die hochauflösenden Bilder bei den Hobbitfilmen (die Bärte der Zwerge sahen aus wie angeklebt). Zweitens wäre es ja nur ein Remake oder Remaster einer Idee. Und meine Erfahrung damit lässt mich sagen: vielleicht darf man Kunst auch insofern sterben lassen, als dass man einen Punkt dahinter setzt und es ein Original sein lässt. Würde das bedeuten, dass Videospiele irgendwann deswegen „sterben“ könnten? Vielleicht. Aber vielleicht darf man das Ende einer Kunstform auch würdig machen, ohne es auszupressen, bis es seine schöne Form verloren hat. So sehr ich Spiele liebe, aber ich kann mir auch vorstellen, andere Hobbies zu entdecken.

Edit: Ich merke ich klinge etwas zynisch. Das möchte ich gar nicht. Vielleicht werde ich auch überrascht. Wer Holsts „die Planeten“ gehört hat, kann sich denken, wie John Williams den Star Wars Soundtrack komponiert hat. Aber wie kam Holst auf seine Melodien? Oder Mozart? Vielleicht hören Menschen in Träumen Musik, oder es fällt ihnen bei Spazierengehen ein. Vielleicht können manche Genies wirklich aus dem Nichts schöpfen, als würde ein Gott in ihnen wirken. Ich würde mich total gern überraschen lassen diesbezüglich. :blush:

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Retro ist fast immer eine individuelle Erinnerung an ein vergangenes Lebensgefühl. “Peak Retro” ist daher völlig individuell und wandert quasi mit den Generationen mit, zudem gibt es noch innerhalb einer Generation deutliche Diskrepanzen und Nuancen. Eben weil “Retro” völlig individuell ist.

Ich liebe Retro-Spiele und damit meine ich “meinePC-Spiele aus einer bestimmten Ära (1995-2002). Alles davor? Völlig uninteressant für mich, null Bezug. Alles danach? Pissbraune-Filter und beginn des Internet- und Monetarisierungs-Virus, welches alles zerstört hat - Ausnahmen natürlich vorhanden.

So ist es auch mit Autos, Musik usw. Ein Universalinteresse ist aus meiner Sicht nur bei sehr wenigen Menschen vorhanden. Und deshalb ist es vermutlich unmöglich, den Begriff Retro genau zu verorten.

Aus diesem Grund gibt es auch nur ein relativ schmales Fenster, in dem der Retro-Kram einen Wert hat: Gut verkaufbar oft nur innerhalb der eigenen Generation und vergleichbaren Umfeld. Unsere Kinder werden mit unserem Kram wenig bis nichts mehr anfangen können. Oder wer hat Omas Porzelanpüppchen übernommen?

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Dazu passt diese Grafik, basierend auf Zahlen aus der Studie “The power of nostalgia” von 2022. Sie zeigt die persönliche Einschätzung von Musikstücken in Relation zum eigenen Alter bei ihrer Veröffentlichung, und sie zeigt eindeutig: Wir lieben Musik, die rauskam, als wir zwischen 10 und 20 waren. (Und es ist so wahr!) Ich denke, das lässt sich ein wenig auch übertragen auf Spiele, zumindest wenn es um nostalgische Gefühle geht.

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Ich stimme dir da vollkommen zu, aber tappt dann nicht das SF-Projekt in eine Falle, weil ihr euch als Verantwortliche an einem „falschen“ Retrokonzept orientiert? Das ist provokant formuliert, aber ich meine es nicht böse und möchte es kurz ausführen.

SF hat enorme Zuwächse gehabt. Während dieser Phase lag der Fokus auf Spielen zwischen 1980 und 2000. Ich weiß, dass in der letzten Umfrage viele Hörer eine Ausweitung aus die Zeit bis 2005 befürwortet haben. Ich kann die Entscheidung da als begründet vollkommen nachvollziehen. Aber wenn die Hörerschaft im Schnitt Jahr für Jahr um ein Jahr mitaltert, verschiebt sich die Retrowohlfühlphase doch nicht. Die 20-Jahre-zurück-Definition vom Retrobegriff missachtet deine Erkenntnis und wäre demnach ein schlechter Ratgeber.

Mein Interessenszeitraum verschiebt sich jedenfalls nicht. Mich interessiert seit 10 Jahren die Spieleszene meiner Kindheit und Jugend, deswegen bin ich hier. Ab 2000 habe ich viele Entwicklungen selbst reflektierter mitbekommen, Publisher haben immer stärker auf Serien gesetzt, Servicegames kamen, die Presse hat weniger mit Machern und mehr mit PR-Abteilungen gesprochen. Vielleicht sind das nur Versuche, meinen subjektiven Wunsch nach bestimmten InhaLoten mit möglichst objektiven Argumenten zu unterfüttern, aber auch dann verschiebt sich mein Interessenzeitfenster ja nicht.

Ich gehe jetzt von Änderungen aus, aber da du, geschätzter Henner, die Forschung ins Spiel gebracht hast, wollte ich den für mich aufploppenden Widerspruch einfach mal artikulieren.