Hier wird vieles gesagt, was ich in der früheren SF Tomb Raider Folge vermisst habe. Gut, dass hier die Spielfigur und ihrer Hintergründe ausführlich besprochen werden und dabei diese drei Varianten von Laras Charakter untersucht werden. Die frühen Teile von Eidos gefallen mir bis heute am besten, auch wenn da schon einige Entgleisungen passiert sind. Lara ist hier einfach eine extrem coole Figur, die sich in interessanten Umgebungen herumtreibt. Das hat wohl im wesentlichen den Erfolg der Serie ausgemacht und das war auch der entscheidende Grund dafür, dass ich schon den ersten Teil begeistert gespielt habe. In Ruhe die Gegend erkunden und sich gegen wilde Tiere verteidigen, das machte für mich den Reiz aus. Natürlich war mir damals nicht klar, dass daraus mal wirklich so eine „Welt“ werden würde, aber Tomb Raider war für mich von Beginn an was besonderes, weil das einzigartige Setting mit diesem zentralen Charakter unheimlich viel hergibt.
Antike Orte und Bauten und Mythen waren schon immer begehrte Szenarien für Videospielwelten. Diesbezüglich ist Tomb Raider kein Novum. „Der Jäger des verlorenen Schatzes“ habe ich damals noch im Kino gesehen, da kam dann auch bald das Spiel zum Film für das Atari 2600 raus, was aber wenig zugänglich war. Dann kam Pitfall von Activision, was mehr actionmäßig und leichter zu verstehen war. Das waren so die ersten Videospiel-Vorläufer. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Lara ursprünglich Laura Cruz heißen sollte und eine südamerikanische Herkunft haben sollte. Tatsächlich war in den ersten Reviews des Spiels auch noch von einer Laura die Rede. Das hat man dann angeblich in eine britische Herkunft geändert, um europäische Käuferschichten stärker anzusprechen.
Ich muss hier leider die fortlaufende Entwicklung der Tomb Raider Serie hart kritisieren. Erstens verstehe überhaupt nicht, was die Leute immer für ein Problem mit der „Tank Steuerung“ haben. Die war doch einwandfrei. Alles was danach kam, war schlechter, umständlicher und total unnötig verkompliziert. Lara konnte weiter Springen und sich besser und gezielter bewegen. Die automatische Kameraführung der Eidos-Teile war nahezu perfekt und man konnte sich damit auf seine Aktionen konzentrieren. Tatsächlich hat gerade diese „Modernisierung“ der Steuerung in den Teilen von Crystal Dynamics mir die neueren Tomb Raider Spiele vermiest. Die lagen dadurch für mich schon fast an der Grenze der Unspielbarkeit, noch dazu diese geskripteten grauenhaften Quicktime Event Einlagen. Katastrophal! Zwar war Lara auch durch diese nachträglich vermurkste Steuerung nicht tot zu kriegen, was ihre starke Bedeutung als Spielfigur beweist, aber mich hat die hektische Steuerung der neuen Teile gehindert, die Spiele weiterzuspielen und damit auch die Story weiter zu verfolgen. Offensichtlich habe ich da auch nicht viel versäumt.
Der Modernisierungswahn hat leider bei der Steuerung nicht geendet. Gestört hat mich auch die weniger immersive Perspektive und der rücksichtslose Zuschnitt auf die Konsolentechnik. Auch Laras Biografie wurde bedenkenlos umgeschrieben, so dass ihre zu Recht angesprochenen Widersprüche schlimmer ausfallen, als in jeder mir bekannten Seifenoper. Ich habe grundsätzlich überhaupt nichts dagegen, dass man einer Actionfigur eine gewisse charakterliche Tiefe verpassen will. Aber da ist überhaupt keine Konsistenz, die Laras Charakter stärken würde. Das ist so ähnlich wie in Star Wars gelaufen. Es wurde nachträglich einfach immer mehr Sachen hinzugedichtet. Und um das irgendwie zu legitimieren, erscheinen dann Prequels, die mich aber null interessieren. Das ist so ein typisches Vermarktungsphänomen. Mich interessieren diese Prequels von Tomb Raider ebenso wenig wie die von Star Wars. Ich will einfach nicht wissen, was vor den Ereignissen passiert ist, die ich bereits erlebt habe und ich sehe solche Anachronismen sogar als eine Art Respektlosigkeit gegenüber den Konsumenten. Der einzige Hintergrund, den ich zu Laras Charakter wirklich wertvoll finde, ist das Croft Manor als Spielumgebung. Ihr Heim sagt eigentlich alles was nötig ist, über ihren Charakter, viel mehr als diese krampfhaft entwickelten Beschreibungen ihrer Biografie.
Ich sehe Lara als ungebrochene Persönlichkeit, die eben gerade deshalb so stark geworden ist, weil sie in ihrer Jugend keinen Scheiß erleben musste und in soliden Verhältnissen aufgewachsen ist. Bei den neuen hyperrealistischen Survivor Teilen kann ich nicht mehr mitreden. Die habe ich nie gespielt, wohl auch weil die mir neben den zwanghaften Neuerfindungen von Lara sinnlos erschienen. Aber was hier darüber gesagt wurde, bestätigt meine Vermutungen. Das ist einfach nicht mehr die starke und elegante Lara, die ich kenne. Je genauer ihre Darstellung wurde, um so abweichender erscheint die Spielfigur von meiner eigenen Vorstellung von ihr.
Die Tomb Raider Serie ist so ein Fall, an dem ich die Degenerierung eines wegweisenden Klassikers über Jahre hinweg deutlich erkennen kann. Man sieht, wo die Reise hingeht: Spielspaß wird durch narrative und filmische Psycho-Elemente ersetzt, mit verzweifelten Bemühungen zur Anpassung an den Zeitgeist. So was brauche ich nicht. Da bleibe ich lieber bei den alten Eidos-Teilen mit Laras vertrauter Oberweite.