Remake, Remaster oder doch nur Port?

Achtung, wall of text incoming:

Ich habe heute die Oktober-2015-Folge von Zehn Jahre Klüger gehört und es wird dort unter anderem über das Thema Remakes und (HD-)Remaster gesprochen. Dabei wurde auch der interessante Punkt diskutiert, ob einige HD-Remaster nicht eigentlich nur glorifizierte Ports sind. Das fand ich interessant und hat mich selbst ein wenig zum Grübeln gebracht. Ab wann wird ein Remaster ein Remaster und wann wird es gar zu einem Remake? Ich denke darüber jetzt schon den ganzen Abend nach und ich bin nicht schlauer.

Mein erster Gedanke war: Na, wenn die technische Basis ausgetauscht wird, dann kann es eigentlich nur ein Remake sein. Und das leuchtete mir auch soweit ein. Das System Shock Remake hat natürlich eine ganz andere technische Grundlage als das Original. Natürlich ist das ein Remake! Genauso sieht es mit The Legend of Zelda: Link’s Awakening aus. Doch dann gibt es Beispiele wie Oblivion: Remastered, das sich selbst als ein Remaster einordnet, obwohl es eine ganz neue Grafik-Engine benutzt.

Und wie sieht es eigentlich damit aus, wenn Grafik-Engines heutzutage aktualisiert werden? Wir sind uns wahrscheinlich alle einig, dass das erste Mass Effect aus der Legendary Edition ein Remaster ist, auch wenn es die interne Unreal-Engine aktualisiert und ein paar Dinge an der Steuerung anpasst. Wäre Youka Replaylee dann eigentlich ein Remaster oder ein Remake? Da wurde ja auch inhaltlich etwas gedreht und es nutzt eine aktualisierte Unity-Engine.

Was ist eigentlich mit Resident Evil für den Gamecube? Remake oder Remaster? Im Grunde ist es ja ein ähnliches Spiel, das könnte fast auch schon als Remaster gelten, oder? Aber halt mal! Wäre dann das Resident Evil 4 Remake nicht eigentlich eher ein Remaster? Denn am Spielprinzip wurde hier (soweit ich weiß, ich habe es nicht gespielt) gar nicht so viel geändert wie zum Beispiel bei den Remakes zum zweiten oder dritten Teil.

Wenn man dann in die 1990’er zurück geht, wird es verwirrender und die Frage wird größer: Ist Pirates! Gold ein Remaster oder ein Enhanced Port? Oder ist es eigentlich gar ein Remake? Was ist CivNet? Ein Windows-Port mit zusätzlicher Multiplayer-Komponente und aktualisierten Assets. Also eher ein Remaster?

Generell ist meine Intuition ja: Wenn die Inhalte einigermaßen gleich sind, dann wird es wohl eher ein Remaster sein, während ein Remake Technik und Assets austauscht und optional auch noch was am Gameplay ändert.

Aber was ist dann Super Wing Commander? Gleiche Engine, aber für andere Systeme (3DO / Mac): Ganz klar ein Remaster/Enhanced Port! Aber auf der anderen Seite: Komplett neue Assets und neue Story-Stränge. Audiovisuell und inhaltlich hat das eine ganz andere Identität. Also doch ein Remake?

Ich bin verwirrt und wahrscheinlich mache ich mir zu viele Gedanken :face_with_spiral_eyes: .

Wie seht ihr das so?

Ich denke die Betitelung transportiert einfach eine gewisse Erwartung:

  • Remaster: Höher aufgelöste Grafik, Bitrate bei Musik und Sound nach oben, gleiches Gameplay mit wenn dann QoL Features.
  • Remake: Von Grund auf neu programmiert. Story manchmal erweitert oder umgeschrieben. Gameplay dem momentanen Standard angepasst.
  • Port: Übertrag eines Spiels vom „Quellsystem“ auf ein anderes. Je nach Performance können sich die Spiele aber sehr unterscheiden. Mir ist das früher sehr zwischen NES und GameBoy aufgefallen, obwohl man hier schon wieder von individuellen Spielen sprechen könnte (Beispiel Duck Tales oder MegaMan). Heute ist es einfacher, da Spiele fast inhaltsgleich für PC/XBox/PS/Switch verfügbar, also „echte“ Ports sind.

Naja, in der Vergangenheit, war ein Port auch immer von grundauf neu programmiert und oft neue Assets :smiley:

Und der vierte fehlt noch: Emulation. Ist ja auch heute oft, man hofft auf einen Port, wie bei der Mortal Kombat Legacy Kollektion, für ein paar quality of life features und Dann ist das alles bloß Emulation.

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Nur der Vollständigkeit halber: Es gibt auch noch den fünften Typ, die Neuinterpretation. Ich denke dabei an die XCOM-Spiele von Firaxis, die zuweilen auch als Remakes bezeichnet werden, obwohl sie die Idee des Originals anders auslegen.

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Ja!

Warum nach Eindeutigkeit suchen, wenn es keine feste Definition gibt. Passt schon. Die Darstellung durch Marketing und PR um das Produkt kommt auch noch dazu.

Ich will mit weiteren “Fachbegriffen” zu der Verwirrung beitragen:

  • Age of Mythology: Retold
  • Warcraft 3: Reforged
  • Spellforce 3: Reforced

:slight_smile:

Oblivion Remastered dürfte ein interessanter Sonderfall sein, weil es sich zwar um ein grafisches Remake handelt, alles andere aber – nach allem was ich weiß – weiterhin das alte Gamebryo ist. Mir fiele spontan noch Outcast: Second Contact ein, wo das ähnlich gemacht wurde. Also ja, ich denke Remaster trifft es hier eher als Remake.

Ich denke, der Begriff des Ports aus den 1980ern ist der eigentlich schwammige Begriff, weil das in der Tat zum Teil ganz unterschiedlichen Umfang hatte. Manche Ports waren auch ganz andere Spiele. Ich weiß nicht, ob ein Temple of Apshai in der Trilogy-Fassung für Amiga noch ein simpler Port des ursprünglichen Titels ist. Bin kein Experte für dieses Zeitalter, wirkt auf mich aber nicht so. Bei DuckTales auf dem Gameboy sicher nicht. Das ist eher schon ein Remake, in dem speziellen Falle vielleicht sogar ein Demake.

Remake scheint mir belastbarste Begriff zu sein, eine Neuprogrammierung unter weitgehender Wahrung der essentiellen Bestandteile der Vorlage. Das kann mal näher an der Vorlage sein oder sich auch mal Freiheiten nehmen. Aber Resident Evil 2 würde ich doch als erkennbar am Original orientiert bezeichnen. Bei Final Fantasy 7 kann man dagegen schon darüber diskutieren, ob das noch ein Remake oder nicht eher eine Neuinterpretation eines bekannten Stoffes unter Verwendung bekannter Elemente ist. Imho letzteres.

Die Bezeichnung „Remaster“ krankt ein wenig darunter, dass es v. a. aus dem Film und Musik bekannt ist und einfach eine technische Neuauflage alten Bild-/Musikmaterials meint, was bei Spielen ja nur ein Bruchteil des Produkts ausmacht, oder genauer gesagt den passiven Teil. Spiele sind aber eben auch ein interaktives Produkt und daher sind imho Anpassungen auf der Bedienungsseite bei einem Computerspiel-„Remaster“ legitim. QoL-Features oder Anpassungen an moderne Steuerungsgewohnheiten sind noch keine Remakes, sondern atmen den Geist und damit die Grundidee eines Remasters, nämlich das Original erlebbar machen. Dass dabei die ursprüngliche Spielerfahrung zum Teil bereits spürbar verändert wird, ist als Kritik und aus puristischer Sicht natürlich legitim. Trotzdem ist das für sich allein noch keine Neuinterpretation, genauso wenig wie das Entfernen des Rauschens in Film oder Musik. Da der Begriff aber verwirrend ist, finde ich so Bezeichnungen wie „Enhanced“ tatsächlicher zielführender (bspw. Baldur’s Gate Enhanced Edition).

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Würde das auch eher an der Spielmechanik als an der Technik festmachen. So ein Blood Fresh Supply z.B. will ja, meines wissens Nach, eher ein Remaster sein, technisch wurde das aber alles neu gebaut, da der alte Code entweder nicht vorhanden war oder die Rechtslage dafür sorgte, dass er nicht benutzt werden durfte. Ob und wie sehr da jetzt Bedienungsänderungen reinfallen liegt dann irgendwie im Auge des Betrachters.

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Tatsächlich werden Begriffe wie Remaster und Remake oft verwechselt oder willkürlich verwendet. Die Einteilung ist auf jeden Fall sinnvoll, auch wenn die Grenzen manchmal fließend erscheinen. Vermutlich ist der Begriff Remaster erst nach dem entstanden, was man früher unter Remake verstanden hat. Zur in der 8-Bit/16 Bit Ära nannte man das Übertragen auf andere Systeme einfach Ports oder Konvertierungen und immer mit Blick auf Vorlage und Ziel. Die Vorlage war immer der Maßstab für die qualitative Beurteilung. Das konnte dann je nach System, mit besserer oder schlechterer Grafik und Sound ausfallen. Im Gegensatz dazu sind Heute die Grafik- und Soundqualitäten weitgehend Plattformunabhängig. Natürlich gibt es noch immer Hardware-Unterschiede zwischen Konsolen und PCs, aber das betrifft dann eher die Rechenleistung und dem entsprechend, nennt man es dann eben einfach die „XY-Version“, auch wenn die Konvertierung wie damals, von einem älteren auf ein neueres System nach heutiger Definition faktisch auch eine Art Remaster ist, im Sinn einer Anpassung an die Hardware-Fähigkeiten.

Wenn ein Spiel gut ist und remastert wird, dann kann man eigentlich häufig von einer allgemeinen Verbesserung der Präsentation ausgehen, auch wenn es solche Ausnahmefälle gibt (wie Pirates Gold), wo einem der neue Grafikstil nicht unbedingt zusagt und man trotzdem die Vorlage bevorzugt. Mit Remasterd Versionen habe ich daher meistens recht gute Erfahrungen gemacht, sofern sie nicht verbuggt waren, womit man bei Amateur-Entwicklern leider rechnen muss. Viele beliebte Spiele mit einer großen Community brauchen aber gar keine explizite Remasterd Version, weil es für die allerhand nützliche nachträglich installierbare Mods und Patches gibt, mit denen sich nicht nur die ursprüngliche Grafik enorm aufwerten, sondern auch das Gameplay erweitern und anpassen lässt. In dem Fall könnte man das dann eigentlich auch als Remasterd-Version bezeichnen. Als herausragendes Beispiel kann ich hier die ersten beiden Titel der Thief-Serie von Looking Glass nennen.

Anders sieht es mit Remakes aus. Diese sind erstens häufiger kommerziell und zweitens kann hier viel mehr verpatzt werden als nur die Präsentation. Gut gemeinte Erweiterungen können das ganze Gameplay versauen und erscheinen dann eher wie „Verschlimmbesserungen“. Das ging mir nicht nur so mit Tomb Raider Anniversary. Da nützte dann auch die schönere Grafik nichts, weil die Steuerung nach meiner Meinung dort völlig vermurkst wurde. Aber auf der anderen Seite hat ein Remake natürlich auch viel mehr Potenzial, einen gelungenen Klassiker noch besser zu machen. Auf jeden Fall gibt es noch allerhand Remakes denen zwar einige gute Erweiterungen drin sind, die dann auf der anderen Seite aber wieder durch schlechte Ideen kaputt gemacht werden, was das Remake dann im Endeffekt nicht besser macht als die Vorlage, dazu fällt mir übrigens auch wieder Sid Meier’s Pirates! von 2004 ein. Ein durchweg positives Remake-Beispiel ist zweifellos Mafia: Definitive Edition. Da wurde das Gameplay gelungen erweitert und gleichzeitig die Präsentation an moderne Standards angepasst.

Zu erwähnen wären noch die sogenannten „Demakes“. Das sind dann ziemliche Ausnahmefälle, in denen eine modernere Präsentation mit einem Hang zum Minimalismus auf eine ältere Form heruntergebrochen wird. Es gibt da auch einige prominente Beispiele, aber weitaus weniger als bei den oben genannten Kandidaten, weil das ein ziemliches Nischenthema ist und soweit ich weiß, auf klassische Retro-Titel beschränkt bleibt, wie z.B. Boulder Dash auf dem Intellivision oder Eye of the Beholder auf dem C64, wobei aber die Entwickler wahrscheinlich nicht mal den Begriff Demake überhaupt kennen und das eher als programmiersportliche Herausforderung ansehen.

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