Ich glaube, du missverstehst mich. Natürlich kenne ich auch das Phänomen, dass einem Songs auf einem Album später besser gefallen und sich da Geschmäcker verschieben. Mir geht es aber eher um die Einordnung ganzer Alben.
Alben, die ich beim ersten Hören richtig doof fand und dann später geklickt haben.
Alben, die ich beim ersten Hören total geil fand und dann immer weiter in Richtung „Meh“ gewandert sind. So ein paar Beispiele:
Jennifer Rostock fand ich immer irgendwie „meh“ und hab mir die Konzertkarte eher aus Jux geholt, um an 3 Tagen 3 Konzerte zu machen. Dann kam vorher das dritte Album raus und ich fand es richtig geil, nachdem mich die ersten zwei Alben eher mäßig abgeholt haben. Mittlerweile kann ich die viel mehr schätzen!
Blind Guardian sind ja insgesamt eine Band, die ich erst nach ~10 Jahren immer-mal-wieder-hörens so richtig ins Herz geschlossen habe. Dass die Frühwerke noch sehr roh sind, das kennt man ja. Habe mit Herrn Bär auch schon ausführlichst diskutiert, dass meine Meinung, die ersten 2-3 Alben seien schwer zugänglich, falsch sei. Aber auch da gab es mitten in der Diskographie ein Album, A Twist in the Myth von 2006, welches ich trotz meiner Liebe für alles andere (…ab 1995…) einfach nicht mögen konnte. Ging immer links rein, rechts raus. Jahre später hat es sich dann festgesetzt und auch wenn es nie mein Lieblingsalbum werden wird, hat es sich doch seinen Platz auf der Hörliste erkämpft.
Hammerfall ist nach dem etwas experimentelleren Infected mit No Sacrifice, No Victory wieder ein bisschen mehr zum Kern zurückgekehrt, inklusive Cover von Samwise Didier mit dem Bandmaskottchen drauf. Aber toll fand ich es nicht, war irgendwie immer noch zu…also, experimentell ist ein großes Wort, aber es war nicht ganz so straight forward wie vieles davor, alles ein bisschen komisch halt. Auch dieses Album hat sich dann erst Jahre später bei mir ins Ohr gewurmt, wenn ich auch von Hammerfall insgesamt etwas weg bin verglichen mit früher. [EDIT: Hab mich geirrt, NSNV (2009) kam vor Infected (2011). Egal, der Rest stimmt und lässt sich auch ein bisschen auf das viel spätere Dominion von 2019 anwenden.]
Und noch ein Blast from the Past: Als Kind habe ich die ersten zwei Alben von Eiffel 65 ganz cool gefunden, aber vor allem das zweite geliebt. Die Texte konnte man besser mitsingen, das ganze war irgendwie eingängiger, das Englisch habe ich besser verstanden. Rückblickend kann ich das erste Album mehr schätzen, es ist abwechslungsreicher und hat auch einfach Klamauk (bei My Console werden beispielsweise einfach nur PS1-Titel aufgelistet und im Refrain dann „PLAYSTATION“ buchstabiert…Eurodance, ey…)
Noch eine allgemeine Albengeschichte: Mein Bruder hat sich Beyond the Red Mirror von Blind Guardian gekauft, dann mal reingehört und festgestellt: „Uff, das ist ja ein eher komplexes Album, hör ich später mal“. Dann hat er es nochmal beim Zocken gehört und wieder gedacht „Oha, ich glaube, das kann man nicht einfach so nebenbei hören, hör ich später.“
Dann hat er einfach vergessen, dass er das Album hat und es erst beim Umzug „wiedergefunden“…
Aus meiner Kindheit und Jugend kannte ich es gar nicht anders, bis auf einzelne Singles von sogenannten One Hit Wonders hatte man eigentlich immer das Geld für ein ganzes Album zusammen gekratzt. Die damaligen Künstler haben ja auch häufig eine Art Geschichte mit dem Album transportiert oder zumindest eine Message rüber gebracht, z.B. Mike Oldfield mit seinen Tubular Bells Alben.
Auch heute liebe ich es noch ein Vinyl Album aufzulegen und die Musik bewusst zu geniessen. Mit Playlists kann ich nur beim Sport etwas anfangen, wo mich die Musik motivieren soll. Zur guten Musik gehören bei mir allerdings auch 2-3 Dram Whisky, so dass ich mir nur selten diesen Genuss gönne.
Dieser eine Song, der plötzlich das ganze Album ist.
Das geht mir selten so heftig wie bei dieser Scheibe.
Die läuft so vor sich hin und dann kommt »Cold Back on Me«.
Was ist denn jetzt los? Die Bühne geht auf, alles wird 3D.
Tripgleich.
Hier werden mir auf einmal Dinge klar, die ich vorher nicht gehört habe? Die Mischung ist so dynamisch. Elemente machen Platz für andere. Es groovt. Es scheiße nochmal groovt so unendlich gut.
Danach landet das Album wieder in der Normalität und ich will sofort zurück. Zurück zu Cold Back on Me. Komm, einmal noch.
Ich bin froh ums Streaming, da ich Alben (zu meiner Zeit CDs) immer als Gebrauchsgegenstände gesehen habe. Entsprechend sahen die Dinger dann nach diversen Partys und wenig pfleglicher Behandlung im Auto (raus aus dem Wechsler, keine Hülle da, Beifahrersitz, bremsen, weggeflogen) dann immer aus.
Allerdings höre ich auch im Streaming immer das ganze Album (zumindest beim ersten oder zweiten Anhören).
Irgendwie ist es oft ganz schön zu hören, was Bands für eine musikalische Entwicklung durchmachen (Z.b. Machine Head. Das ging ja: Geil, okay, bäh, hmm, geil, ui nochmal geil, genial, genial, genial).
Um den Thread jetzt nicht komplett mit Blind Guardian zu kapern, mache ich mal einen größeren Punkt auf:
Ein Grund, dass ich Alben so mag, ist, dass sie immer einen klaren Punkt in der Bandgeschichte markieren, was Themen, Stil und Sound angeht. Es gibt Bands, bei denen klingen alle Alben mehr oder weniger gleich (Sabaton oder Hammerfall fallen mir da ein), die haben ihren Sound gefunden und bleiben da.
Andere Bands versuchen sich dauernd neu zu erfinden (Subway to Sally hatten da so eine Phase, wo jedes Album einen ganz anderen Sound hatte) und wieder andere entwickeln sich eher behutsam, aber konstant weiter (Jennifer Rostock oder Schandmaul sind da so Kandidaten). Das ist nicht immer gut an einzelnen Songs festzumachen, aber ein ganzes Album liefert da immer Kontext.
Das führt aber auch dazu, dass man, wenn man eine Band wegen eines bestimmten Sounds lieben gelernt hat, der Wechsel zu einem anderen Album etwas schwer fallen kann. Sie verlieren etwas, was man mochte…oder hatten etwas noch nicht, was man schätzt. Dann ist man halt der Banause, der die In Flames-Alben mag, bei denen alle Oldschool-Fans sagen „Da sind die schon viel zu weich geworden und haben ihren Sound verloren!“
Um jetzt also den Bogen zurück zu Blind Guardian zu schlagen: Genau da liegt der Hase im Pfeffer. Die Frühwerke sind sehr straight forward, Thrash- oder Speedmetal von Jugendlichen, die ihre Instrumente beherrschen. Aber heutzutage sagt niemand „Du stehst auf Speedmetal mit einem Sänger, der ne okaye Trefferquote bei Tönen hat und ziemlich hart geradeaus geht? Hör doch mal bei Blind Guardian rein.“ Man kommt eben über die progressiveren Songs und Alben dahin, von professionellen Produktionen, dichtem Sound, mehrstimmigen Vocals und einem Sänger, der sein Handwerk versteht. Wenn das der Einstieg ist, wirken die frühen Alben fast wie ein Rückschritt in eine Zeit, in der die Band viele ihrer Markenzeichen noch nicht hatte.
Von In Flames (oder Blind Guardian) selbst habe ich keine große Ahnung. Aber um den Kern der Aussage aufzugreifen: Ich finde es tatsächlich unfassbar ermüdend und geradezu albern, wie teilweise von manchen Leuten eine Form des Gatekeepings bei solchen Dingen vorherrscht. Und da fängt es ja bereits bei der Genredefinition selbst an. Ich meine, klar, jeder darf natürlich subjektiv seine Meinung und Vorlieben haben. Aber jemandem seine musikalische Meinung abzusprechen, weil sie nicht mit der eigenen konform geht, ist halt absoluter Quatsch. Soll halt jeder sein eigenes Lieblings-In-Flames-Album haben . Das kann man natürlich auch auf Gaming oder anderes übertragen. Und nicht falsch verstehen, natürlich kann man über alles gesittet diskutieren . Alleine wenn ich überlege, wie sich mein eigener Geschmack mit der Zeit verändert hat und vermutlich, wenn vielleicht auch nicht mehr so stark, weiter verändern wird. Manche Alben, die mal das Nonplusultra waren, liegen mittlerweile im hintersten Regal oder umgekehrt. Manche Bands sind komplett verschwunden, manche habe ich neu bzw. wiederentdeckt. Und letztlich ist für mich der Unterschied enorm zwischen: „Du bist der Banause“ o.Ä. zu „Ja, versteh ich. Geh ich aber nicht mit“.
Zu den anderen Punkten kann ich in dem Sinne für mich sagen, dass ich es grundsätzlich nicht schlimm finde, wenn sich Bands treu bleiben. Bei einigen funktioniert es für mich gut, bei anderen bin ich dann irgendwann vielleicht raus. Ich weiß es mittlerweile aber tatsächlich unheimlich zu schätzen, wenn Bands sich, in welcher Form auch immer, mit der Zeit auch weiterentwickeln oder Konzeptalben fahren. Und klar, manchmal klappt es für mich auch nicht, aber dann bleiben mir die anderen Alben ja erhalten, an denen ich mich weiterhin erfreuen kann .
Das ist leider etwas, dass ich sehr gut nachempfinden kann. Ich war ein riesiger Deftones Fan. Adrenaline und Around the Fur waren unglaublich kraftvolle Alben.
Aber irgendwie kann man richtig raushören, wie sie nachher erfolgreicher (und wahrscheinlich auch mit dem Leben zufriedener) wurden und für mich ist die Energie damit verschwunden.
Andererseits ist jedes Album von System of a Down (auch die Solos von Serj) oder Rage against the Machine ein absoluter Banger. Liegt also auch am persönlichen Hörgeschmack.
Ja, viele Bands ändern ihren Stil im Lauf der Zeit. Sei es wegen Sell-out oder wegen mehr experimentieren wollen, was oft die alten Fans vergrault. Aber ist das noch on-topic? Kann man ja auch an den Singles ablesen / abhören sowas.
An der Stelle würde ich Opeth ins Feld führen. Speziell das Album Watershed. Das funktioniert einfach nur als Ganzes. Ab dem Nachfolger Heritage haben sie sich dann in eine Neo-Prog-Combo gewandelt, die einfach nicht mehr so richtig funktioniert.
Also manchmal reicht eine Single nicht.
Für mich persönlich sind Alben bis heute die wertvollste Art Musik zu konsumieren.
Natürlich hör ich auch manchmal meine Playlists für bestimmte Zwecke (z.B. „Krawallmucke“ für den Sport), aber wenn ich mir gezielt Zeit nehme um Musikhören als Hobby zu praktizieren, dann sind „gute“ Alben einfach schöne Reisen.
Aktuell sind meine 3 Lieblingsalben für solche Abende (muss für mich aber nich unbedingt Vinyl sein)
Ayreon - „Into The Electric Castle“ im wörtlichsten Sinn eine Heldenreise.
Sts - „Nord Nord Ost“ ist DAS Album meiner Jugend
„Earth Wind and Fire“ war einfach meine erste Vinyl, gekauft weil das Cover so toll ist.
A Night at the Opera von BG klingt in wesentlichen Teilen sehr experimentell, aber ich halte es für Längen besser als alles danach. (Danach haben sie - imho- ihren Weg verloren.)Es handelt sich zwar nicht um ein Konzeptalbum im eigentlichen Sinn, trotzdem zieht sich ein gewisser Stil durch, der es irgendwie homogen zu machen scheint. Mein heimlicher Favorit ist „punishment divine“ der begleitet mich inhaltlich seitdem und live war der knüppelgut. Der letzte Song auf der Platte über den Fall von Troja, halte ich für einen der besten, die jemals erschienen sind.
Von Gamma Ray kann ich empfehlen- (als Konzeptalbum) „Somewhere out in Space“. Wenn dir Hammerfall zusagt und du mit „blast from the past“ schon eine indirekte Referenz gebracht hast, könnte es dir gefallen.
Von Iced Earth „the glorious burden“. Und ja, ich weiß, Iced Earth, but hear me out- „high Water Mark“ halte ich für unbestritten gut, egal wie wahnhaft der Sänger sich später gezeigt hat, bei der Zusammenarbeit mit Kürsch im Projekt „demons&Wizards“ hatte es auch noch funktioniert.
Zu meinen lieblings Alben-Bands gehören Rhapsody (of Fire), Luca Turilli, Grave Digger und ASP, weil das teils richtige Geschichten waren, die da erzählt wurden.
Inzwischen ge"höre" ich auch zur digitalen Mix-Tape-Fraktion aber die Diskussion hier hat mir Lust gemacht, mal wieder ein Album durchzuhorchen und Bands aufzulegen, die ich früher oft und gerne gehört habe, wie Freedom Call, Edguy, Helloween, Sonata Arctica, Visions of Atlantis, … die leider irgendwie aus meinen Playlisten verdrängt wurden. Danke an alle, für den Nostagie-Schub.
Da am kommenden Freitag wieder Bandcamp-Friday ist, bei dem die Künstler:innen den vollen Erlös bekommen, werde ich diesmal gezielt nach Alben schauen. Das Gute an Bandcamp ist, dass die Musik auch in verlustfreien Formaten angeboten wird, weil MP3 ist schon ein bisschen so, wie von Platte auf Kassette überspielen.