Uff. Also ein paar Dinge über Latein möchte ich mal ins rechte Licht stellen.
Klar, auf Latein unterhält man sich nicht und an den meisten Universitäten wird es auch für Studiengänge wie Jura und Medizin nicht mehr benötigt und es gibt Terminologiekurse, die das nötige Wissen abdecken.
Sind Lateinkenntnisse zwingend notwendig? Mit Sicherheit nicht, darum steht es in den meisten Schulen neben Französisch und Spanisch zur Wahl. Außer an altsprachlichen Gymnasien ist niemand verpflichtet Latein zu lernen. Ich bin ohnehin der Meinung, dass es viele mehr Wahlmöglichkeiten an Schulen geben sollte, aber das ist ein anderes Thema.
Sind Lateinkenntnisse irrelevant oder gar nutzlos? Mitnichten.
Jeder hier nutzt täglich Wörter, die aus dem Lateinischen abstammen, auch im Englischen stammen an die 50% des Wortschatzes aus dem Lateinischen (z.B. computer von computare - rechnen; wir schauen alle mal ein „Video“, was nichts anderes heißt als „ich sehe“). Sicher muss man das nicht wissen, aber die Kenntnis kann ungemein beim Verständnis der Sprache helfen (Stichwort „vernetztes Denken“).
Neulich habe ich mit einer Musikstudentin (!) gesprochen, die bereut, dass sie kein Latein in der Schule hatte, weil sie gewisse Originaltexte nicht lesen konnte.
Latein ist Literaturunterricht, es geht nicht darum, sich damit zu verständigen, sondern sich mit Texten auseinanderzusetzen, die bis heute nichts an Relevanz verloren haben. Ich selbst als Schüler wurde charakterlich sehr durch den Lateinunterricht geprägt, Gedanken darüber, wie man ein glückliches Leben führt, was eigentlich wahre Freundschaft ist oder Lehren aus den spannenden mythologischen Geschichten, haben mich auch persönlich weitergebracht.
Themen aus dem Lateinunterricht sind allgegenwärtig in Literatur, Musik, Film, eigentlich jeder Art von Popkultur: Von Shakespeare über Harry Potter bis Star Trek ist Latein, das eben mehr ist als nur Sprache, sondern Literatur, Philosophie, Musik, Religion, natürlich Geschichte, Politik, Rhetorik, Theater und so viel mehr.
Wenn man Latein lernt, schult man auch diverse hilfreiche Softskills. Man übersetzt ja Texte, was man in keinem anderen Schulfach macht, das erfordert Konzentration, logisches Denkvermögen, auch eine gewisse Merkfähigkeit und Interpretationskompetenz.
Bei uns ist es so, dass Latein durchaus zum Beispiel auch gern von Kindern mit Migrationshintergrund gewählt wird, einfach aus dem Grund, dass die Unterrichtssprache Deutsch ist und auch viel deutsche Grammatik wiederholt und geübt wird. Und auch für deutsche Muttersprachler ist die vertiefte Auseinandersetzung mit Sprachsystemen, durchaus förderlich. Und das passiert im Lateinunterricht viel mehr als in anderen Fächern. Diesen Elitevorwurf kann ich persönlich nicht mehr hören.
Das ist falsch, die Menge der Begriffe aus dem Lateinischen ist mindestens gleichwertig, ohne selbst nachgezählt zu haben sogar höher. Ein paar random Beispiele:
- Fraktur = Bruch
- cerebral (von cerebrum) = auf das Gehirn bezogen
- Injektion (von inicere = hineinwerfen)
- intravenös = in die Vene
- Infusion (von infundere - hineingießen)
Ich möchte an dieser Stelle auch mal mit dem Vorurteil aufräumen, dass Lateinunterricht total trocken und methodisch veraltet sei und man nur Caesars Truppenverschiebungen übersetzt. Da hat sich viel getan. Das Fach ist digital und methodisch supermodern aufgestellt mit Lernvideos, genialen Plattformen für den Wortschatz, motivierenden Einheiten im „Escape Room“ Stil uvm. In den Lehrbuchtexten geht es um Inhalte, die auch heute noch Relevanz haben und sie sind altersangemessen aufbereitet.
Latein ist nicht für jede und jeden geeignet, kein Zweifel. Sind Mathe, Kunst oder Geografie aber auch nicht. Aber es ist unter den Fremdsprachen, die Schülerinnen und Schüler lernen können, eine gute Alternative für diejenigen, die nicht sprachbegabt sind, sondern eher mathematisch-logisch talentiert sind, weil sie nicht mühsam eigene Texte verfassen oder Dialoge führen müssen. Darum wird es auch von vielen introvertierten (von intro - hinein und vertere - wenden) Schülerinnen und Schülern gewählt.
Etwas grundsätzliches zur Dikssion noch: Einer der größten Fehler von Lehrkräften ist es meiner Meinung nach, dass sie sich und ihr Fach zu wichtig nehmen. Wir ihr sicherlich gemerkt habt, habe ich eine große Leidenschaft für mein Fach. Aber nur weil ich die habe, müssen sie nicht alle anderen auch haben. Genauso wie nicht alle Retrogames super finden müssen. Es sind nicht vorwiegend die Inhalte, die der Schule ihren Sinn geben, die Kinder lernen allein durch ihre Anwesenheit und das Agieren in der Schule mit Menschen in ihrer eigenen Altersgruppe, aber eben auch mit Erwachsenen, schon richtig viel. Lehrer sollten immer auch Rollenvorbilder sein (siehe auch mein Beitrag weiter oben, warum Schülerinnen und Schüler bei Lehrern, die sie gut finden, mehr lernen). Das meiste Wissen aus der Schule brauchen wir alle nie wieder. Aber es geht fast jeder mit einem guten Werkzeugkasten aus der Schule heraus, um für sich herauszufinden, was er mal machen will und wie er im Leben zurechtkommt.
Wer Inhalte wie Steuererklärungen etc. als Inhalt in die Schule hineinbringen will, missversteht meines Erachtens komplett den Sinn von Schule. Ich hatte das auch nie in der Schule und kann es jetzt trotzdem, weil ich eben einen Werkzeugkasten an Wissen und Fähigkeiten erworben habe, mit dem ich prinzipiell alles lernen kann.
Sorry für den Roman. Ich habe bestimmt auch die Hälfte von dem vergessen, was ich sagen wollte, aber das war mir wichtig.