Das Format ohne Namen #17

Das ist ein Punkt, der noch kaum angesprochen wurde: Ich weiß nicht, wie es anderswo ist, aber in BY und BW gibt es diese obligatorischen Vorträge, die benotet werden wie Klassenarbeiten und die in der Regel selbstdesigntes/gedrucktes Handout-Material, eigene Recherche und eine schöne Powerpoint-Präse voraussetzen. Die Schule stellt dafür keine Computer und bringt auch Powerpoint nur rudimentär bei. Das führt, vor allem in Akademikerhaushalten, zu einem Wettrennen der Eltern.

Das preist eh marginalisierte Kinder aus.

Ich höre immer das Klagen der Lehrer(innen), dass sie so viele Erziehungsaufgaben übernehmen müssen, weil die Elternhäuser das kaum noch leisten. Sicher richtig, ich stelle das nicht in Abrede. Aber die andere Seite der Medaille ist, dass die Schule mehr und mehr Verantwortung für den lernerfolg in die Familien verlagert. Meine Tochter geht morgens um sieben aus dem Haus und kommt halb fünf heim. Danach noch zwei Stunden Hausaufgaben, Vokabeln, Lektüre, Arbeiten vorbereiten, wenigstens. In den Ferien konnten wir nichts unternehmen, weil sie „endlich in Ruhe den Vortrag vorbereiten“ musste.

Sie arbeitet mehr als ein normaler Arbeitnehmer, mit 14. Dazu kommen noch die Stunden, die ich leiste, indem ich ein bisschen Infrastruktur bereitstelle, technisch helfe, inhaltlich erkläre und einordne, weil der Stoff wieder so konfus vermittelt wurde, dass… aber egal.

Das ist ein massiver Einsatz, der da den Kids und ihren Familien abverlangt wird, ich würde mir wünschen, das System als Ganzes, aber auch die Schulen selber würde(n) sich stärker hinterfragen, ob das alles so die gewünschten Resultate zeitigt.

Ja, ich rechne da wieder meine Erfahrungen hoch, klar. Aber es ist ja nicht so, dass es darauf nicht offensichtliche Hinweise gäbe, dass da was nicht funktioniert.

Ich bin kein Freund davon, zu versuchen, alles in Zahlen zu fassen, aber wir leisten uns in einem Land, das auf Bildung angewiesen ist, ein Schulsystem, das eine überdurchschnittlich große Streuung produziert und in dem der Lernerfolg überdurchschnittlich stark vom Elternhaus abhängt (PISA-Studie, 2018). Das ist multifaktoriell, der Föderalismus, die Politik etc - aber es gibt auch Hinweise darauf, dass die Lehrkräfte auch ihren Teil zum Wachsen der Probleme beitragen: „Die Ergebnisse belegen, dass die zu Schuljahresbeginn geäußerten Leistungserwartungen im Fach Deutsch bei gleichen Ergebnissen in objektiven Leistungstests für Kinder mit einem türkischen Zuwanderungshintergrund, für Kinder aus sozial schwächeren Familien sowie für Jungen negativ verzerrt sind.“ (Studie)

Ich meine hey, die Unterschiede werden nicht weniger, die Arbeitgeber nicht zufriedener, die Lehrkräfte nicht glücklicher, die Familien nicht weniger gestresst - und wir haben uns irgendwie in einen deutlich spürbaren Lehrermangel manövriert, obwohl wir deutlich mehr Lehrer und deutlich weniger Schüler haben als 2010.

Ich hab da keine Lösung für, aber ich bin ja auch nur so ein random Typ.

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Ich glaube, dass das mittlerweile fast überall Standard sein dürfte, mit Abstufungen nach Klassenstufe. Wir haben das in RP auch. In der Grundschule war es noch eine Plakatpräsentation, aktuell ist eine Buchbesprechung als Vortrag (noch ohne Powerpoint) vorgesehen, die wie eine Klassenarbeit bewertet werden wird (5. Klasse). Powerpoint dann wahrscheinlich in 2-3 Jahren. „Mitgeliefert“ wurde für die Buchbesprechung ein Kriterienkatalog der Bewertung, aber noch kein „Handwerkszeug“ zu deren Erarbeitung. Wenn das so bleibt, werden die Akademikerhaushalte sicher im Vorteil sein, klar.

Wobei ich sagen muss, dass wir mit unserer Schulwahl (IGS) bisher immer noch sehr zufrieden sind. Da läuft lange nicht alles perfekt, aber es wird doch schon versucht, an der einen oder anderen Stelle die Dinge etwas anders anzupacken.

Ich bin kein Pädagoge, sondern erlebe/erleide das jetzt alles wieder mit meinen Kindern, aber sinnvoll erscheint mir:

  • Späteres Ende der Grundschulzeit bzw. spätere Trennung der Klassen, warum nicht erst nach Klasse 6 oder 8? Bis dahin wird gemeinsam und vor allem kooperativ gelernt, danach dann gerne Leistungsdifferenzierung für alle, die den Weg bis zum Abitur zu Ende gehen.
  • Überdenken des Notendrucks bzw. des Benotungssystems. Klar, Leistung muss gemessen werden, aber wertet man nun die Leistung des Einzelnen gegen alle anderen in der Klasse oder eher die persönliche fachliche Weiterentwicklung? Wie wertet man fair die Mitarbeit von Introvertierten gegenüber Extravertierten?
  • Entschlacken der Lehrpläne, indem die Frage Methoden vor Inhalten oder vice versa beantwortet wird. Es kann nicht in allen Bereichen immer pauschal mehr Inhalte und immer neue (nur halbgar eingeführte) Methoden geben. Das führt genau zu der Situation die Gunnar beschreibt.
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Ich hab mit als „Experte“ mal auf Bitte von Lehramtsstudenten die Lehrplaninhalte des BY Lehrplans für Gymnasien zum Fachgebiet IT/Informatik angesehen und mal geprüft wie das Faxh bei den Kindern in meinem Bekanntenkreis unterrichtet wird.

Ich schreib dazu heute Abend mal was weil das war der reinste Verkehrsunfall und wenn andere Fächer wo ich im Thema nicht 20 Jahre Berufserfahrung habe ähnlich strukturiert sind dann gute Nacht

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Ein nicht sofort ersichtlicher Humor ist uns Norddeutschen eigen, aber ich meine es natürlich ernst. Um es humorvoll zu formulieren: Wenn ich viele Fachleute, sagen wir Raketenwissenschaftler, in einen Raum schicke, kommt danach ja auch ein brauchbares Raumschiff mit Start- und Landeprozedur heraus. Wieso klappt das an Schulen nicht?

Ich habe eine Schule mit solchen Ansätzen besucht. Damit wird nach unten angeglichen und die besten langweilen sich nicht nur, sondern werden irgendwann gemobbt und werden absichtlich schlechter wg des sozialen Drucks in der Klasse.

Schon Kinder in der Grundschule wollen Anerkennung für ihre Leistungen. Es ist m.E. völlig falsch auf Noten zu verzichten, denn Leistung soll belohnt und Fehler aufgezeigt werden. Umso später Noten eingeführt werden, umso größer der Schock, wenn die Leistung nicht stimmt. Es muss ja nur nicht für Fächer auf Talentbasis (also wo man nicht mit lernen erwirbt, sondern an körperlichen Defiziten scheitert) auf Noten bestanden werden.

M.W. ist es übrigens sogar gewollt, das Intro- und extravertierte in einer Klasse sind, weil die einen die anderen zum Nachdenken bringen und die anderen diese mehr animieren sollen. Ob das das gelbe vom Ei ist, kann ich nicht bewerten. Aber im Leben jenseits der Schule wird auch nicht auf das Tempo einzelner Rücksicht genommen, daher bereitet solch ein Unterricht realistisch vor.

Heute haben mir mehrere Leute das Video von Prof. Bernhard Kötz geschickt, welcher Mathematikkenntnisse von Schulabsolventen Indiens und Deutschlands vergleicht. Da wurde schon viel „entschlackt“. Zuviel. Ich habe öfter mal mit indischen Studenten zu tun und da kehren sich in der Mathematik die Vorzeichen um: Da sind wir die Dritte Welt…

Was mir übrigens vorhin auch ein gym. Mathelehrer bestätigte. Was machen denn Menschenbild und Gleichberechtigung als Lehrinhalte im Matheunterricht??

Das macht aber aus Indern auch nicht zwangsläufig selbstständiger arbeitende Menschen. Kann ich dir aus meinem beruflichen Alltag so zumindest so sagen.

Dieser Fokus auf reine Kenntnisse sorgt dann halt dafür das man im Benchmark „kann besser Mathe“ dann halt der eine besser abschneidet als der andere. So ein bisschen wie „ist besser in Dark Souls“

In der modernen Arbeitswelt auf dem Level wo ich spezialisierte Experten habe interessiert mich aber nicht wirklich ob derjenige jetzt gut in Algebra ist und standardisierte Tests unfallfrei schreiben kann.

Nein ich brauche Leute die selbständig komplexe Tätigkeiten erledigen können und zwar irgendwann ohne supervision (weil wir in der Regel irgendwas neues machen was sich derjenige zum Teil selbst erarbeiten muss)

Da sind dann die anderen Länder die so toll in Mathe und Chemie im standardisierten Pisa Test angeschnitten haben aus meiner Erfahrung nicht wirklich vorne. Wir aber mittlerweile auch nicht mehr weil wir unsere Schüler halt mit Wissen vollstopfen damit sie „gut in X“ werden aber ihnen das Denken abtrainieren oder erst gar nicht beibringen.

Gut in Mathe/Chemie/Eurythmie-Namen-tanzen ist ein sinnloser Benchmark wenn derjenige dann nach 13 Jahren Schule und 6 Jahren verschulter Uni nicht selbstständig komplexe Themen erarbeiten und lösen kann.

Übrigens etwas was der aktuelle Lehrplan vorgeblich im Fokus hat → selbstständiges arbeiten

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Wir sind nicht mehr im Manchester-Kapitalismus. Sehr viele Leute können mit ihrer Berufswahl Einfluss auf ihr Lebensglück nehmen. Das ist ja schon ein Klischee, dass es massenhaft Leute gibt, gerade in deinem und meinem Berufsfeld, die superunglücklich durch Bundeswehr und Schule gegangen sind und dann im Beruf zufrieden waren, weil man sie da nicht in eine Gruppe gezwungen hat.

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Das nennt man wohl „curriculum creep“. Wie ich schon anderswo im Thread geschrieben habe, lernt mein Sohn auf der Mittelschule mehr als ich in den 90ern im Gymnasium. Um gleich „gut“ zu sein wie damals, muss man viel mehr leisten. „The goalposts have moved“.

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Ich schrieb doch bereits:

Also wer seine Begabung entdeckt und entsprechend seinen Beruf wählt, dann ist alles gut.

Aber meine Aussage im letzten beitrag war: Om Leben läuft dir keiner hinterher und kümmert sich um dein Lebensglück. Du musst auch die Fähigkeiten lernen, dich durchzusetzen. Daher werden verschiedene Charaktere gemeinsam unterrichtet.

Das ist glaub ich ein wichtiger Punkt, der eine gute Schulbildung ausmacht. Wenn abseits von der reinen Wissensabfrage ein Kind es lernt korrekt zu lernen und sich Dinge zu erarbeiten. Das wird vielen z.B. dann an der Uni erst klar. Du kannst noch so gute Noten gehabt haben, wenn die Grundlagen fehlen wie man lernt und an Problemstellungen herangeht, wird es extrem schwer.

Das mag in den Berufen unterschiedlich ausgeprägt sein, aber gerade in der IT z.B. bist du ständig gezwungen dich weiterzubilden und komplexe Fragestellungen selbstständig zu bearbeiten.

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Aus meinen Erfahrung mit Indern sind die schon sehr viel selbstständiger, als wir es wahrhaben wollen.

Selbstständigkeit beruht m.E. auf der Motivation sich mit etwas zu beschäftigen.
Der Erfolg und damit die anhaltende Motivation fußt dann m.E. aber weiter auf der Wissens- und Methodenbasis, denn diese gibt die Orientierung für Lösungsansätze und Vertiefung.

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Es gibt 1,4 Milliarden Inder. Diejenigen, die hier in Europa z.B. im IT-Bereich arbeiten, sind per Definition gut gebildet. Ob das repräsentativ für alle Inder ist, weiß ich nicht, würde es aber stark bezweifeln. Genauso könnte man Europäer betrachten, die im Silicon Valley arbeiten, und daraus schließen, dass alle Europäer Genies sind.

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Das ist ja kein Widerspruch zu dem „Lob auf Privatschulen“ - die Privatschulen bieten den „Kunden“ eben mehr, unter anderem von mir oben genannten Gründen, aber wie es den Lehrkräften dabei geht, das wurde ja noch gar nicht thematisiert.

Ja und? Wenn es darum geht, alle Noten wegzulassen, die bei irgendwem schlecht sein könnte, dann sind wir eben bei „gar keine Noten“. Mir ging es darum, dass ich es gleich aus mehreren Gründen Quatsch finde, nur die Noten in einzelnen Fächern (Sport, Kunst, Musik) abzuschaffen, also in den, wie du es nennst,

Also nochmal, du bist also wirklich der Meinung, alle seien für Mathe oder für Sprachen gleichermaßen talentiert?

Sowas liegt teils auch an den Plänen von Bussen oder Zügen, nach denen die Schule sich dann richten muss. Der Unterrichtsschluss kann dadurch nicht beliebig nach hinten verschoben werden - endet die Schule 10 min später, müssen alle 1,5 h auf ihre Verbindung warten. Und die Oberstufe hat oft lange Unterrichtstage, die durch längere Pausen noch länger werden. Für die Schülerschaft reichen diese 20-min-Pausen auch meist ganz gut aus am Vormittag, für die Lehrkräfte aber nicht, weil sie wie von dir beschrieben eben in der Zeit gar keine richtige Pause haben.

Meinst du hier die Raketenwissenschaftler als analog zu den Lehrkräften an Schulen? Dann ist die Frage sehr einfach zu beantworten, weil die Analogie an allen Ecken hinkt. Oder sollen die Wissenschaftler hier die Analogie zu den Bildungsministerien sein? Dann hinkt der Vergleich leider auch, nur auf andere Art…

Was meinst du damit?

Tut mir leid, ich habe irgendwie gerade mehr Nachfragen als Antworten als Diskussionsbeitrag zu bieten…

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Scheint in den skandinavischen Ländern aber doch recht gut zu funktionieren. Ich plädiere ja nicht für Gleichmacherei, sondern dass man den Kindern etwas mehr Zeit in einer stabilen Gruppe gibt. Zumindest den Druck der frühen Selektion kann man ihnen nehmen. Und was die Leistung betrifft: Was spricht gegen eine Binnendifferenzierung in der Klasse? Gibt es doch heute schon.

Vom Notenverzicht war nirgendwo die Rede. Mir ging es eher um das „Testing to the test“, also das Lernen bis zur Prüfung und dann ist alles egal oder eben „Testing through the test“ mit dem Ziel, dass ich an den dort gemachten Fehlern lerne und wachse. Ich bin eher im zweiten Lager.

Wer sprach denn davon, die zu trennen? Und Introvertierte mit Langsamkeit gleichzusetzen, halte ich für falsch. Ebenso wie den Indervergleich. Aber da gab es ja schon Reaktionen zu. :wink:

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Wieso sind die, die hier sind, per Definition gut gebildet? Ein Universitätsbesuch hier ist entweder auf Basis der Leistung gefördert oder aber vom Vermögen des Elternhauses möglich - und damit kommen m.E. viel mehr „schwächere“ Studierende nach Europa.

Ich betrachte auch nicht den Einzelfall und schliesse auf die Masse. Aber ich unterhalte mich mit denen und da gibt es schon interessante Erkenntnisse, wenn die von ihren Anforderungen in der Schule berichten.

Aber ich glaube wir kommen damit vom Thema Schule hier ab. Letztlich müssen wir im internationalen Wettbewerb standhalten und allein Indien hat 38 Millionen Studierende.

Funfact: Anfang der 90er habe ich einem Vortrag mehrere Bildungspolitiker beigewohnt, da wurde von einem Ziel von 80% Abiturienten gesprochen. Ich erinnere leider nicht mehr, wer dabei war, ich meine es war u.a. die damalige Bildungssenatorin Christa Sager, will das aber nicht beschwören. In HH haben wir aktuell ca. 56% Abiturienten in einem Abschlussjahrgang.

Es gibt da zwar auch bekannte Einschränkungen wie Legasthenie, aber grundsätzlich halte ich den Stoff für vermittelbar. Es hat da m.E. eher mit der Stoffvermittlung zu tun - aber ich bin da nur Laie. Ich erinnere mich aber, dass ein Psychologe mal sagte, dass er aus seinen Kindern großartige Schachspieler machen könnte. Die drei Polgar-Schwestern wurden dann die besten Schachspielerinnen ihrer Zeit, unabhängig von ihren Anlagen.

Ich wollte aufzeigen, dass Fachleute generell konstruktiv etwas erarbeiten können, und fragte mich, wieder anknüpfend an meinen ersten Beitrag, wieso das anden Schulen nicht so funktioniert.

Es gibt Lehr- und Rahmenpläne. In denen werden Zielsetzungen definiert. Bspw. der von SH Seite 8 (https://fachportal.lernnetz.de/files/Fachanforderungen%20und%20Leitfäden/Sek.%20I_II/Fachanforderungen/Fachanforderungen_Mathematik_Sekundarstufen_I_II.pdf) Dort wird bspw gesagt, dass der Unterricht auch von Mathematik oberfachliche Kompetenzen fördern soll, wie die Grundwerte des menschlichen Zusammenlebens wie die Menschenrechte, das friedliche Zusammenleben in einer Welt usw. In Fächern wie Sprachen und Geschichte passt das sicherlich gut, aber ich bin da etwas verwirrt, wie das in Mathe erfolgen soll und ob gesellschaftliche Aspekte nicht besser draußen bleiben sollten.

Hm, ich kenne Lehrer, die mit Nordschweden im Austausch sind. Da gibt es Vor- und Nachteile. Wenn ich mich recht entsinne gibt es auch skandinavische Systeme wo die Fächer nach Leistungsniveau unterrichtet werden. Finde ich ok.

Ob die Binnendifferenzierung bei 30 Schülern in der Klasse klappt? Hört sich für mich schwierig an. Aber wenn es klappt: Wunderbar.

Notenverzicht wird ja immer wieder politisch gefordert, zB im Wahlkampf von Niedersachsen.
Dein Konzept kenne ich nicht. Gibt es dafür Beispiele?

Ich nicht. In Walldorfschulen gehört die Mischung m.W. sogar zum Konzept.

Teilweise gibt es das schon. In der Grundschule bei uns gibt es erst ab dem 2. Halbjahr in der 2.Klasse Noten. Es gibt trotzdem Bewertungen von Arbeiten/Tests und statt Zeugnis Lernentwicklungsgespräche.

Ist es tatsächlich so überraschend und neu für dich, dass Unterricht überfachliche Ziele verfolgt, die erreicht werden können, ohne sie (dauernd) explizit zu thematisieren?

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Erstmal handelt es sich hierbei um einen Fall von survivorship bias. Der Fall ist beeindruckend, weil er geklappt hat. Gibt es da eine vergleichende Studie, dass das auch mit beliebig ausgewählten anderen Kindern geklappt hätte? Oder hatten die Polgar-Töchter vielleicht doch nicht so verschiedene Anlagen und Voraussetzungen? Mir würde mindestens ein schlagendes Argument einfallen, weshalb die drei sich wahrscheinlich ähnlicher waren als drei Schülerinnen einer gewöhnlichen Klasse. :wink: Außerdem haben die armen Mädchen kaum etwas anderes getan als Schach zu spielen. Mir scheint, das lässt sich mit dem Ideal einer breiten schulischen Bildung auch eher schlecht vereinbaren.

Tut mir leid, aber ausgerechnet dieses eine anekdotische Extrembeispiel als Beleg dafür zu wählen, dass für alle Schulfächer außer Kunst, Musik und Sport alle gleichermaßen begabt wären, wenn sie sich nur bemühten, dies für künstlerische Fächer und Sport aber wiederum nicht gilt, finde ich wirklich absurd. Weshalb sollten die Inhalte nicht - zumindest teilweise, sodass man halt auf zufriedenstellende Noten kommt - ebenfalls „vermittelbar“ sein? Und das schreibe ich als absolute Sport-Niete!

Mal wahllos rausgegriffen, Lehrplan Bayern Sport Klasse 8 Gymnasium, Beispiele für Inhalte, in denen meiner Ansicht nach jeder eine Chance haben dürfte, das „vermittelt“ zu bekommen:

Die Schülerinnen und Schüler …

  • bewerten Regelverstöße auch mittels Spielbeobachtungsaufgaben und führen selbständig Schieds- und Kampfrichteraufgaben aus.
  • verwenden gemeinsam erarbeitete Strategien zur Lösung und Vermeidung von Konflikten.
  • zeigen Leistungsbereitschaft sowie Durchhaltevermögen, erreichen dadurch selbst gesteckte Ziele und steigern so ihr Selbstwertgefühl.
  • respektieren andere Schülerinnen und Schüler, auch deren unterschiedliche sportliche Leistungsfähigkeit, und nutzen die Möglichkeiten des Sports, sie einzubinden.

oder auch

  • wenden Grundkenntnisse über funktionelles Krafttraining an und beachten die richtige Ausführung von Dehnübungen.
  • gestalten weitgehend selbständig ein allgemeines Aufwärmprogramm.

Zu dem anderen Punkt: Dass natürlich in keinem Unterricht gesellschaftliche Aspekte „draußen bleiben“ können, weil Schule nunmal einen Bildungs- und Erziehungsauftrag hat, an dem sich alle Fächer zu beteiligen haben, finde ich ziemlich selbstverständlich. Lehrkräfte unterrichten keine Fächer, sondern Menschen, so sollte das jedenfalls sein.

Um den Unterschied zwischen Prozessen an Schulen und in einer spezialisierten Forschungsgruppe zu erläutern, habe ich gerade keine Kraft mehr.

Ich finde aber ehrlich interessant, wie diametral unterschiedlich Ansichten und Standpunkte sein können. Vermutlich läuft es bei uns beiden auf ein „agree to disagree“ hinaus…

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Wie gesagt: Mich verwirrt die Verknüpfung von Mathematik mit gesellschaftlichen Themen. Es können sicherlich andere Ziele erreicht werden, nur werden sie explizit im Rahmenplan genannt.

Bei einem Survivor -Ship-Bias wird doch aber aus dem Ergebnis auf eine Aussage geschlossen. Hier war doch aber Vater Polgar derjenige, der vorher eine Aussage machte und diese dann bewies.

Vielleicht mag dies ein extremes Beispiel sein, was mit guter Betreuung möglich ist. Aber genau das ist ja vielleicht auch genau der Beweis dafür, wie wichtig gute Betreuung ist und wie wichtig daher auch die Eltern sind. Denn die Eltern, die nach der Schule ihren Kindern weiter lehren, sind genau die Fortsetzung dieser Methode (wenn auch zeitlich wesentlich geringer). Daher würde ich sagen, dass dieses Beispiel auch im normalen Leben anzutreffen ist.

Zufriedenstellende Noten sind aber nicht das volle Notenspektrum. Und wie hier schon geschrieben wurde: Wer kurze Beine hat, wird nie die Leistung für eine Note 1 erreichen. Da müsste dann mehr differenziert werden nach Einzelleistung im Bezug zu dem für den Einzelnen körperlich machbaren - also mehr individuelle Differenzierung.

Vermittelt: Ja. Aber wird das auch gleichwertig zu den sportlichen Leistungen benotet?

Aber wie beteiligt sich die Mathematik? Das gleichmäßige Unterrichten aller Schüler ohne Beachtung von Geschlecht, Hautfarbe, Religion usw. sollte normal sein, ist für mich aber keine Lehre eines Menschenbildes.

Ich will niemanden überzeugen. Meine persönliche Erfahrung mit Schule (die Bücher füllen könnte), die Erwartungshaltung meines universitären und unternehmerischen Umfeldes, der stetige Austausch mit Lehrern und Schülern, prägt mich natürlich sehr. Ich glaube aber auch nicht, dass wir keinen Konsens finden können, schließlich wollen wir alle hoffentlich das beste Schulsystem haben.

Ich denke aber ich habe meine Punkte mitgeteilt. Zusammenfassend möchte ich sagen:
Ich denke es wird in der Diskussion aus den vielen Beiträgen der vielen Teilnehmer klar, dass es Missstände gibt. Das wird mir auch von all meinen Lehrerfreunden berichtet.

Daher ist es für mich vor allem unverständlich, wieso die Schul- und Unterrichtsorganisation durch die Fachleute auf allen Ebenen nicht optimiert wird. Es erstaunt mich besonders, dass dies nicht mal auf lokaler Ebene, wie mein Beispiel der Pausenzeiten in einer Schule zeigen sollte, gelingt.

Aber gut. Ich bin jemand der immer nach dem Warum, also der Begründung, für einen Zustand fragt. Sicherlich gibt es auch zu diesem Thema sicherlich hunderte Argumente, Sachzwänge und logische Begründung für das heutige System und jeden einzelnen Punkt. Tausende müssen schließlich täglich in diesem System Lehren und Lernen und sind sicherlich alle viel näher am Thema als ich. Von daher läuft es so wie es läuft und vielleicht ist es bereits das erreichbare Optimum.

Das solls aber von mir gewesen sein, danke für die gute Diskussion.

Dann wäre es hilfreich sich etwas eingehender mit den Fachanforderungen in Schleswig-Holstein zu beschäftigen, als sich einfach nur einen Satz rauszusuchen, der dir in dein Narrativ passt. Übrigens: Der allgemeine Teil, auf den du dich beziehst, steht allen Fachanforderungen in Schleswig-Holstein voran.

Da du dich ja anscheinend sehr für den Mathematikunterricht in Schleswig-Holstein interessierst, empfehle ich dir als zusätzliche Lektüre noch den Leitfaden zu den Fachanforderungen: https://fachportal.lernnetz.de/files/Fachanforderungen%20und%20Leitfäden/Sek.%20I_II/Leifäden/Leitfaden_zu_den_Fachanforderungen_Mathematik.pdf