Du schreibst, die politische und gesellschaftliche Haltung der beiden würde so stark durchschlagen, dass Dinge aus heutiger Perspektive kritisiert würden, ohne ausreichend zu berücksichtigen, dass sie damals normal waren. Und bei Tomb Raider sei das besonders schlimm gewesen, weil man „offensichtlich ein Problem“ damit gehabt habe, dass Lara damals als Sexsymbol vermarktet wurde, und dieses Thema dann „so weit wie möglich ignoriert“ habe. Das stimmt einfach nicht. Die Folge hat ab ungefähr 1:54:30 einen eigenen Block zur Rezeption von Lara Croft. Da geht es unter anderem um Lara als Marketingvehikel, die Duschszene in Tomb Raider 2, Körperlichkeit und Voyeurismus und die Entwicklung der Figur über die Jahrzehnte. Mháire leitet diesen Teil sogar ausdrücklich damit ein, dass man über „Lara Croft und Sexiness“ reden müsse. Danach geht es genau darum: wie Lara in den 90ern aufgenommen wurde, wie Eidos sie immer stärker als Sexikone vermarktet hat, wie sich die Spielfigur von der „Werbe-Lara“ unterscheidet, um Werbung, Magazine, Merchandise, Körpermaße, die Duschszene und darum, wie sich diese Art der Vermarktung später verändert hat. Ich weiß wirklich nicht, wie man daraus „so weit wie möglich ignoriert“ machen kann. Wenn du sagst, dir gefällt die Einordnung nicht, du erinnerst die damalige Wahrnehmung anders oder du hättest dir einen anderen Schwerpunkt gewünscht: völlig okay. Aber dann ist das eben die Kritik. „Das wurde ignoriert“ ist eine überprüfbare Behauptung, und die ist hier einfach falsch.
Auch dieses „damals war das völlig normal“ trägt als Argument nicht besonders weit. Natürlich war so eine Vermarktung in den 90ern normaler als heute. Das bestreitet doch niemand. Aber historische Einordnung bedeutet doch nicht, so zu tun, als hätten 1997 alle dieselben Maßstäbe gehabt wie 2026. Im Gegenteil, genau die Frage, was damals normal war, warum es normal war, wie es wahrgenommen wurde und wie sich das später verändert hat, ist historische Einordnung. Und genau darüber wird in der Folge gesprochen. Man kann gleichzeitig sagen, dass Lara damals eine extrem erfolgreiche und für viele Spieler wichtige Figur war, dass eine weibliche Hauptfigur in so einem Spiel etwas Besonderes war, dass ihre Attraktivität Teil ihres Erfolgs war und dass Eidos ihren Körper sehr aggressiv fürs Marketing benutzt hat. Da widerspricht sich überhaupt nichts. Und bei Tomb Raider kommt noch dazu, dass die sexualisierte Vermarktung eben nicht erst dreißig Jahre später von irgendwelchen Leuten problematisiert wurde. Toby Gard selbst hatte damit schon damals ein Problem. Nicht damit, dass Lara attraktiv war, sondern damit, was das Marketing aus ihr gemacht hat und wie wenig Kontrolle er darüber hatte. Das heißt: Selbst wenn man deine Forderung komplett übernimmt und sagt „wir müssen viel stärker berücksichtigen, wie die Leute damals darüber gedacht haben“, landet man nicht automatisch bei deiner Position. Dann muss man nämlich auch berücksichtigen, dass selbst der Schöpfer der Figur schon damals zwischen „attraktive Heldin“ und „Sexsymbol fürs Marketing“ unterschieden hat. Das ist also gerade kein nachträglich über die 90er gelegter Maßstab.
Die Nummer mit der „Expertin“ in Anführungszeichen finde ich auch ziemlich schwach. Linda Dambacher hat zu Tomb Raider publiziert. Man kann ihre Aussagen kritisieren, man kann ihre Schlussfolgerungen falsch finden, man kann sagen, dass einem ihre Perspektive zu akademisch, zu modern oder sonstwas ist. Aber dann müsste man eben konkret zeigen, wo sie falsch liegt. Die Anführungszeichen erledigen das nicht. Und „ich war damals live dabei und gehörte zur Zielgruppe“ ist als persönliche Perspektive interessant, aber halt keine magische Superqualifikation. Damit weißt du erstmal sehr gut, wie DU Lara damals wahrgenommen hast. Das ist etwas anderes als die gesamte Vermarktung, internationale Rezeption, Entscheidungen bei Eidos, interne Konflikte bei Core und die kulturgeschichtliche Entwicklung der Figur beurteilen zu können. Zeitzeuge und Fachperson sind zwei verschiedene Sachen, und im besten Fall nimmt man beides ernst. Gerade bei so einem Thema ist die eigene Erinnerung außerdem zwangsläufig nur ein Ausschnitt. Lara hat für männliche Spieler anders funktioniert als für weibliche Spieler, als Spielfigur anders als als Werbefigur, für die Presse anders als für den Publisher. Genau diese Ebenen auseinanderzuhalten ist ja gerade der Sinn einer solchen Einordnung. Deine persönliche damalige Wahrnehmung ist ein Teil davon, aber eben nicht „die damalige Tatsache“.
Die Sache mit Karl May finde ich sehr lächerlich und damit entlarvst du dich auch selbst. Sorry, aber das ist einfach ein Strohmann. Wer hat irgendetwas von verbieten gesagt? Niemand. Die ganze Diskussion dreht sich darum, wie man alte Popkultur BESPRICHT und EINORDNET. Aus „man kann ein altes Werk aus heutiger Perspektive kritisch betrachten“ wird bei dir plötzlich „dann verbieten wir es irgendwann“. Das ist eine Position, die du deinem Gegenüber erst selbst unterschiebst und dann bekämpfst. Man kann Karl May lesen und großartig finden und gleichzeitig darüber reden, welches Weltbild in den Büchern steckt, welches Bild indigener Völker darin vorkommt und aus welcher Zeit diese Vorstellungen stammen. Man kann Tomb Raider spielen, Lara Croft großartig finden und gleichzeitig darüber reden, wie Eidos sie vermarktet hat. Wo ist da bitte das Problem? Wo genau kommt das Verbot ins Spiel? Nach dieser Logik wäre ja praktisch jede ernsthafte Beschäftigung mit älteren Medien schon ein Schritt Richtung Zensur. Sobald jemand sagt „dieser Aspekt ist aus heutiger Sicht interessant/problematisch“, müsste man antworten „aha, und morgen verbieten wir es dann“. So kann man natürlich jede Diskussion abwürgen, nur mit dem tatsächlich Gesagten hat das nichts mehr zu tun.
Was genau müsste denn noch passieren, damit es keine „politisch gefärbte“ Behandlung mehr ist? Wenn die Antwort am Ende einfach lautet: „Ich bewerte diese Sexualisierung weniger negativ als die beiden“ – geschenkt. Dann sag das doch einfach.