So, gestern Abend Vampire the Masquerade: Redemption beendet.
Ich habe das Spiel bei ursprünglichem Erscheinen gespielt, hatte es als absolut positive Erfahrung in Erinnerung - vielleicht nicht super poliert, aber grafisch opulent und insgesamt allein durch das VtM Setting cool.
Stand heute kann ich zumindest sagen, dass die Grafik damals wirklich top gewesen sein muss. Sie ist für End-90er Polygone sogar ganz okay gealtert. Nicht wunderschön, aber immer noch gut-funktional.
Und da endet auch schon mein positives Feedback. Fangen wir mal mit dem Gameplay an:
Im Kern ist das Spiel ein später Diablo-Klon - Spielende ackern sich in einer Party aus bis zu 4 Vampiren durch Dungeons und schnetzeln allerlei wildes Getier und Gedöns aus der Vampire-Lore. Die Grundsteuerung ist das klassische Muster: Linksklick zum Metzeln, Rechtsklick zum Zaubern. Die Party wird über eine Art KI gesteuert. In den größeren Hub-Arealen quatscht man sich dann minimal durch Plot-relevante Dialoge. Zufälliger Plunder kann nach erfolgreichem Schnetzeln und beim Öffnen von Truhen erbeutet werden. Und dann gibt es da noch das für Action-RPGs übliche XP-Attribute-verbessern-System. Daran ist nix kreativ, die Umsetzung ist aber leider grad mal mittelmäßig. Die Kamera ist zu nah an der Party, es fehlt permanent Übersicht. Die Party-KI ist katastrophal. Die Gegner-KI aber auch. Die mangelnde Übersicht macht grad mittelgroße Getümmel schon zur Qual, insbesondere die richtigen Gegner anzuvisieren. Und das Level-Design…puh, das Level-Design: Dungeons sind im Kern immer in 3-4 Ebenen verteilt, sehen okay aus und sind fast durchgängig gradlinig. Aber so richtig spannend ist das alles nicht. Und der Kernmotivator für jedes Diablo-like, die Beute, ist grausig. Es gibt kaum fest platzierte Objekte, alle Container spucken Inhalte basierend auf einer Beute-Tabelle aus. Hat man Pech, erhält man minderwertigen Mist. Hat man Glück, erhält man mittelmäßigen Mist. Dass da jemals wertvolle Beute drin gewesen wäre, die die Dopamin-Spirale befeuert hätte, ist einfach nicht passiert. Wow. Also echt, als ob das Linksklicken bei Diablo der Spaßlieferant gewesen wäre.
Und die Story? Jaaaha, die Story. Also im Kern ist es eine recht banale Liebesschmonzette vor leicht vergewaltigtem VtM-Hintergrund. Kreuzritter verliebt sich im 12. Jhdt in Nonne, Nonne in Kreuzritter. Das darf aber natürlich nicht sein. Ach je, ach Gott. Als der Kreuzritter dann kurzerhand zum Geschöpf der Nacht transformiert wird, geht das Drama nur weiter. Im Hintergrund baut sich dann der große Bösewicht langsam auf - ein uralter Vampir, der auf jeden Fall böses im Schilde führt. Die Welt wird enden, alle werden versklavt, blablabla. Der spannendste Twist des Spiels: Nach knapp über der Hälfte des Spiels gibt es einen Zeitsprung vom 12. Jahrhundert ins Jahr 1999. Was da alles cooles passieren könnte… Betonung auf dem Konjunktiv. Das Szenario bleibt fast ungenutzt. Ich renne nun einfach im schwarzen Trenchcoat durch erst London, dann New York und metzel mich dort durch Klischee-Varianten der jeweiligen Vampirclans. Die Schusswaffen der Moderne sind dabei völlig nutzlos und machen keinen Spaß - wie fast alle Fernkampfwaffen des Spiels, schon allein, weil sie irre viel Inventarplatz für die Munition benötigen. Und dass ich mit nem großen Zweihänder in der Hand an bewaffneten Polizeibarrikaden vorbeiziehe, stört niemanden. Es bleibt alles konsequenz- und somit belanglos.
Gegen Ende des Spiels war dann auch der große Bösewicht, der im Pen and Paper nahezu unbesiegbar gewesen wäre, dann nur eine weitere Luftpumpe, den ich mittels Eis-Zauber permanent einfrieren konnte, während meine Truppe ihm nach und nach die HPs runterkloppt. Gähn.
Das Spiel galt damals als schwer - zunächst wegen eines grausigen Speicherpunktsystems (das dann kurz nach Start rausgepatcht wurde), und wegen sehr zufälliger Schadensspitzen in Kämpfen. Aber ganz ehrlich, das hatte sich nach ca. nem Drittel, spätestens nach der Hälfte des Spiels erledigt. Die Party war nur zusätzlicher Schadensschwamm und minimaler Lieferant, vorwiegend erweitertes Inventar, während sich der Protagonist durch die Welt der Dunkelheit fräst. Die Vampire-Lore bleibt dabei wirklich ein blasser Hintergrund und wird kaum ausgespielt. Kein Vergleich zum späteren Bloodlines.
Fazit: Ich hab das Spiel damals mindestens 2 mal durchgespielt und hatte es stets positiv in Erinnerung. Warum das so war, kann ich heutzutage kaum noch nachvollziehen. Vielleicht, weil es die World of Darkness war und ich die so toll fand. Vielleicht, weil es als Grafikblender gut funktioniert hat. Vielleicht, weil ich damals ein simpleres Gemüt war oder es die 90er waren und wir hatten ja nix. Ich weiß es nicht. Aber: Ich kann kaum anraten, es heutzutage noch mal nachzuholen. Weder das Gameplay noch die Story sind beachtlich oder Vorzeigeartefakte vergangener Zeiten. Es ist sperrig und belanglos, leider. Ändert Gott sei Dank nichts daran, dass ich mich immer noch freue, dass es mir damals so gefallen hat. Doch noch mal würde ich es wirklich nicht spielen wollen.